Digital verschmilzt mit Analog: Big Brother in der Dunkelkammer

Sophie Thuns Ausstellung in der Secession ist die erste rein virtuelle Schau einer größeren Institution in Österreich.

Im Grafikkabinett der Secession in Wien hat Sophie Thun ihre Dunkelkammer eingerichtet. Der Besucher schaut ihr beim Arbeiten zu.
© Petignat

Von Barbara Unterthurner

Wien – Einige Museen in Deutschland sind bereits seit Anfang der Woche für Publikum zugänglich, in Österreich öffnen morgen die ersten Institutionen ihre Tore. Nicht so die Wiener Secession, die erst am 16. Juni wieder physisch betretbar sein wird. In gewisser Weise offen hat das Ausstellungshaus allerdings schon seit 30. April. Die erste eigens konzipierte, rein virtuelle Ausstellung einer größeren Institution in Österreich läuft dort aktuell mit der Einzelschau zu Sophie Thun.

Bei ihrem Projekt „Stolberggasse“ kann der Besucher auf digitalem Weg teilnehmen, indem er sich in den Livestream auf der Homepage der Secession einloggt. „Ein besonderes Projekt für uns als Institution und für die Künstlerin“, bestätigt Kuratorin Anette Südbeck, die das Konzept mit der Sophie Thun entwickelt hat. „Wir besprachen bereits im Vorfeld ein Konzept, in dem das Zusammenspiel von Präsentations- und Produktionsort im Mittelpunkt steht“, verrät Südbeck. Für die Umsetzung über Livestream entschied man sich schlussendlich coronabedingt.

Der Livestream ist noch bis 21. Juni online und führt die Zuseher ins Grafikkabinett der Secession. Diesen Ausstellungsraum im ersten Stock des Hauses hat Thun dafür in ihren Produktionsraum, eine Dunkelkammer, verwandelt. Ihre selbst auferlegte Aufgabe für die Dauer der Ausstellung: Die Wienerin mit polnischen Wurzeln fertigt Fotogramme, belichtet direkt, ohne Kamera. Ihre Motive: Alles, was sie ansonsten in ihrem Haushalt umgibt, insgesamt 800 Gegenstände, wird dokumentiert. Einzig das Format eines Großbildnegativs dürfe der Gegenstand nicht überschreiten, begründet Thun ihre Auswahl.

Die Ausstellung in der Secession ist für mich eine Erweiterung im doppelten Sinn.
Sophie Thun (Wiener Künstlerin)

Im digitalen Raum arbeitet sie normalerweise nicht, so Südbeck. Im Gegenteil, Thun begann ihre Karriere höchst klassisch mit Pinsel und Leinwand, erst nach und nach fand sie zur Fotografie. „Stolberggasse“ sei für sie gleich im doppelten Sinne eine Erweiterung, sagt Thun – eine Erweiterung des Raumes und ihres Zugangs zur Kunst.

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„Und die Ausstellung wird durch den Livestream barrierefrei“, ergänzt die Künstlerin. Jeder, auch etwa ihre Familie in Polen, könne die Ausstellung via Livestream nun wirklich vollständig mitverfolgen.

Als Besucher wird bei „Stolberggasse“ tatsächlich Zuseher – man kann sich gleich mehrmals am Tag in die Überwachungskamera der Secession einklinken. Und wie bei Big Brother einfach beobachten; und das ist in der Ausstellung wie auch im TV nicht immer spannend. Oft passiert auch gar nichts. Manchmal trifft man aber den richtigen Zeitpunkt und kann der Künstlerin beim Arbeiten über die Schulter schauen – ein Vergnügen, das sonst eher Galeristen oder Kuratoren vorbehalten ist.

Thuns Ausstellung ist damit im besten Fall ein Experiment, das Analog und Digital verbindet. Eines, das offensichtlich der Situation geschuldet ist und dennoch interessante Fragen aufwirft. Ein heute so oft gefordertes, neues Format, einen neuen Zugang zum virtuellen Raum, gibt es hier aber keinen.


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