Erhelle(r)ndes aus dem Fundus eines Allrounders

André Heller hat eine Selektion herzhafter Anekdoten zusammengetragen und liest sie, mitsamt prominenter Verstärkung, auch gleich selbst vor.

André Heller blickt auf fünf Jahrzehnte als Kulturschaffender zurück. Er hat sich in vielen Bereichen versucht, zuletzt auch als Opernregisseur.
© imago images/Stefan Zeitz

Von Markus Schramek

Wien – André Heller, 73, ist vieles in Personalunion: Lebemensch und Bonvivant, Sänger, Poet und seit heuer auch Opernregisseur (sein „Rosenkavalier“ feierte einen Monat vor Corona in Berlin Premiere). Immer schon pflegte er fantasiebegabte Visionen Realität werden zu lassen – siehe die Kristallwelten in Wattens, siehe die botanischen Gärten am Gardasee und in Marrakesch. Heller ist auch ein Mann der Frauen, der „Franzi“, wie ihn Ex-Gattin Erika Pluhar, in Anspielung auf den abgeworfenen ersten Vornamen, immer noch liebevoll nennt.

Über allem aber steht ein ausgeprägtes Talent des Sohnes aus wohlhabendem Hause: Er ist ein alerter Beobachter und beredter Formulierer, ein, wie man es in Hellers Wiener Idiom ausdrücken würde, „Gschichtldrucker“ der ersten Güteklasse.

Eine Großauswahl von „Erzählungen aus vielen Jahren“ hat Heller unter dem Sammeltitel „Zum Weinen schön, zum Lachen bitter“ heuer bei Zsolnay als Buch veröffentlicht. Launige Anekdoten wirken aber um vieles authentischer, wenn sie in echt dargeboten werden. Im als mediale Variante (bei Lübbe) erschienenen Audiobuch geht ein handverlesenes Triumvirat als Vorleser zu Werke.

Wir lauschen den Stimmen von Heller höchstselbst sowie von Burgschauspieler Robert Reinagl. Essayist und Autor Franz Schuh steuert im Wege eines Nachworts eine Würdigung Hellers als linksliberaler Politaktivist bei. Denn der schöngeistige Dichter und Denker versteckt seine Meinung nicht hinter dem Wienerberg. Heller war 1993 Mitorganisator der Lichtermeer-Demo gegen Ausländerfeindlichkeit mit Hunderttausenden Teilnehmern in ganz Österreich.

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Auf 6 CDs mit zusammen 409 (!) Minuten Spieldauer breiten die formidablen Erzähler Hellers Erinnerungsstücke aus, eine anregende Melange aus Fakt und Fabulierkunst: das Staunen der Kindheit, amouröses Erwachen, kleine Ganoven und große Gauner, Gfraster und Strizzis, Gasthausstudien, Abhandlungen in deftigem Vulgärlatein und nasalem Schönbrunnerisch, rote Ohren im Milieu des gedämpften roten Lichts.

Heller schlüpft in die Gedankenwelt seiner Charaktere und schildert im jeweiligen Jargon kleine Aufreger und große Ungeheuerlichkeiten. Der Ton bleibt locker und leicht, Wortwitz und Augenzwinkern sind wichtiger als die Moral von der Geschicht’. So ist Österreich nach Heller’scher Lesart immer noch im Gestus des „K. u. K.“ verhaftet: ein Land von Kaisern und Kellnern, von Herrschern und Dienern, dazwischen ein Vakuum.

Hörbuch André Heller: Zum Weinen schön, zum Lachen bitter. Lübbe Audio 2020, 6 CDs, ungekürzt, 409 Minuten, 20,60 Euro. Die Buchversion ist bei Zsolnay erschienen, 240 Seiten, 23,70 Euro.


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