Dringend gesucht: Amerikas erste (Vize-)Präsidentin

Im Schatten der Corona-Krise sucht Joe Biden nach seiner Vize-Kandidatin. In der öffentlichen Debatte gibt es längst einige Favoritinnen.

Kamala Harris wäre ein Signal an Minderheiten. Ihre Bilanz als frühere Staatsanwältin ist allerdings umstritten.
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Von Floo Weißmann

Washington –Vor vier Jahren scheiterte Hillary Clinton mit dem Versuch, die erste Präsidentin der USA zu werden. Heuer unternehmen die Demokraten den nächsten Anlauf, eine Frau mit an die Spitze der Supermacht zu hieven. Ihr designierter Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat sich darauf festgelegt, eine Vizekandidatin aufzustellen.

Tammy Duckworth verbindet Kampferfahrung im Irak mit liberaler Politik. Sie könnte eine Kompromisskandidatin sein.
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Weil Biden bei seiner Amtseinführung im Jänner 78 Jahre alt wäre – älter als alle Amtsvorgänger – schwingt das Bewusstsein mit, dass sein Vize vielleicht eines Tages übernehmen muss. Gesucht wird deshalb nicht nur ein klassischer „running mate“, wie die Vizes genannt werden, sondern eine Frau, die vom ersten Tag an eine gute Präsidentin abgeben würde. Biden, der selbst acht Jahre lang Vizepräsident von Barack Obama war, hat dies mehrfach betont.

Im Schatten der Corona-Krise hat er ein Auswahlkomitee eingesetzt, das mögliche Vizes auf Herz und Nieren prüft. Anwaltsteams reisen an, studieren private Unterlagen und stellen peinliche Fragen. Das soll verhindern, dass der Vize durch Enthüllungen zur politischen Belastung wird.

Offiziell ist nicht bekannt, wer auf Bidens Liste steht. Aber Insider und Experten diskutieren seit Wochen über gut ein Dutzend Politikerinnen – vorwiegend Gouverneurinnen und Senatorinnen. Mit einigen von ihnen ist Biden zuletzt aufgetreten, wenn auch nur virtuell. Das wurde als Versuch interpretiert, die persönliche Chemie auszutesten, und hat die Spekulationen angeheizt.

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Elizabeth Warren spricht den linken Parteiflügel an. Viele sehen in der Ex-Professorin aber eher eine Ministerin.
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Eine saubere Weste, wechselseitige Sympathie, inhaltlicher Gleichklang und politische Erfahrung gelten als Grundvoraussetzungen. Dazu kommen strategische Überlegungen. Je nachdem, welche Signale Biden an die Partei und an die Wähler senden will, verteilen die Politikerinnen in vier Gruppen:

Minderheiten: Die Demokraten sind auf Wählerstimmen aus den Minderheiten angewiesen. Zudem haben Afroamerikaner wesentlich zu Bidens Comeback im Vorwahlkampf beigetragen. Sie fordern nun lautstark eine Vizekandidatin aus ihren Reihen. Besonders häufig genannt wird u. a. die Senatorin Kamala Harris aus Kalifornien.

Mittelwesten: Der Weg ins Weiße Haus verläuft durch mehrere Swing States im Mittelwesten, die 2016 knapp an Donald Trump verloren gingen. Über den richtigen Stallgeruch verfügt u. a. die Senatorin Amy Klobuchar, die in Minnesota auch in konservativen Wahlbezirken punkten konnte.

Amy Klobuchar ist im Mittelwesten zuhause. Sie steht allerdings im Ruf, ihre Mitarbeiter hart angepackt zu haben.
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Einheit der Partei: Der eher moderate Biden muss dringend auch den linken Parteiflügel hinter sich bringen. Helfen könnte ihm dabei u. a. die Senatorin Elizabeth Warren aus Massachusetts, die im Vorwahlkampf mit betont progressiven Konzepten geglänzt hatte.

In die vierte Gruppe fallen alle anderen, die vielleicht Außenseiterchancen haben. Dazu zählt u. a. Tammy Duckworth aus Illinois. Die asiatische Amerikanerin hat als Kampfpilotin im Irak durch Beschuss beide Beine verloren. Später brachte sie als erste US-Senatorin in ihrer Amtszeit ein Kind zur Welt.

Biden muss aber nicht allein abwägen, wer zu ihm passt, sondern auch, wie sicher das aktuelle Mandat seines „running mate“ bei den Demokraten bleiben würde. Eine Personalentscheidung, durch die am Ende vielleicht eine hauchdünne Mehrheit im Senat verloren gehen würde, wäre ein politisches Eigentor. Wer es letztlich wird, dürfte erst im Sommer bekannt gegeben werden.


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