"Stille Helden": Tiroler Musikerin Susi Kra gibt besonderen Familien eine Stimme

Risikofamilien trifft die Corona-Krise besonders hart. Musikerin Susi Kra, selbst Mutter einer Tochter mit besonderen Bedürfnissen, möchte daher Ungesehene sichtbar machen.

Susi Kra hat sich trotz Tiefschlägen gut durchs Leben geschaukelt. Nun will sie anderen helfen.
© Bernhard Hostek

Von Nicole Strozzi

Igls – Gerne hätten wir Susi Kra und ihre Familie in Igls besucht, um einen Einblick in ihren Alltag zu erhaschen. Doch das ist leider nicht möglich. Während für viele Tiroler die Corona-Fesseln nach und nach gelockert werden, gilt für die vierköpfige Familie noch strenges Abstandhalten. Ihre fünfjährige Tochter zählt zur Hochrisikogruppe, vor zweieinhalb Jahren musste die Leber der Kleinen transplantiert werden. Das Tragen von Mundschutz und die Sorge vor einer Ansteckung sind für Susi Kra und ihre Liebsten nichts Neues. „Wir leben seit Jahren mit der Maske“, verrät die Sängerin und studierte Juristin am Telefon.

Susi Kra und ihr Partner haben zwei Kinder, einen Buben mit sechs und ein Mädchen mit fünf Jahren. Als ihre Tochter mit einem schweren Leber-Gendefekt zur Welt kam, lebten die beiden noch in Wien. „Das Problem bei der Kleinen war, dass die Verdauungssäfte nicht abrinnen konnten und sich unter der Haut verteilten“, erzählt die 38-Jährige. Die Folge: Das Mädchen litt unter extremem Juckreiz, der nicht gestillt werden konnte.

„Unsere Tochter war ein Schreikind. Kein Wunder, sie konnte sich nicht kratzen, nachts hat sie kaum geschlafen, sie musste 24 Stunden getragen und mit einer Magensonde ernährt werden. Mein Partner und ich haben uns im Schichtdienst abgewechselt“, schildert die gebürtige Innsbruckerin, die ihren Job als Juristin auf unbestimmte Zeit auf Eis legen musste. „Wir sind zurück nach Tirol, wo uns unsere Familie mit vereinten Kräften geholfen hat. Es wäre undenkbar gewesen, mit einem Kleinkind und einem kranken Kind in Wien zu bleiben. „Die Betreuung an der Kinderklinik Innsbruck war wunderbar“, erzählt die zweifache Mama, die auch Unterstützung von einer Caritas-Familienhelferin bekam. „Anders wäre ich umgefallen.“

Nach mehr als zwei Jahren war der Ausnahmezustand so schlimm, dass die Leber transplantiert werden musste. „Unsere Tochter war dreieinhalb, als unsere andere, aber bessere Normalität begann“, schildert Kra. Der Alltag ist merklich einfacher geworden, das Jucken hat aufgehört, die Kleine schläft, sie geht in den Kindergarten, ist nur etwas kleiner als Gleichaltrige. Das Immunsystem des Mädchens ist allerdings sehr geschwächt, Medikamente gehören zu ihrem täglichen Leben, jeder Infekt könnte schlimme Folgen haben. Die Corona-Pandemie hat deshalb das Leben der Familie noch einmal durcheinandergewirbelt.

„Die Quarantäne haben wir nicht als schlimm empfunden, diese Situation kennen wir“, erzählt die Musikerin. Doch wie es weitergeht, weiß Susi Kra nicht so genau. In den Kindergarten zu gehen und ihre Freunde zu treffen, ist derzeit für ihre Tochter nicht möglich. „Unser Sohn kommt im Herbst zur Schule. Wir wissen nicht, ob das möglich ist oder ob wir ihn zuhause unterrichten sollen“, sagt die 38-Jährige, die oft ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Buben hat, der vielfach im Leben zurückstecken musste, aber „Gott sei Dank seine Schwester heiß und innig liebt“.

Die Diskussion, mit welcher Wucht die Krise vor allem Risikofamilien trifft, hat Susi Kra während der ganzen Zeit vermisst. „Bei keiner Pressekonferenz wurde dieser Aspekt erwähnt, es wurde keine Taskforce für Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen gegründet.“ Im Gegensatz zu Industrie und Tourismusbetrieben hätten betroffene Familien keine Lobby hinter sich. Einen Fahrplan für die Zukunft gibt es nicht. Susi Kra möchte deshalb Familien, die es schon vor der Krise nicht leicht hatten, sichtbar machen. Die Musikerin hat deshalb das Projekt „Stille Helden“ ins Leben gerufen, das aus einem Song, einer Facebook-Gruppe und einer Homepage besteht. Jeder kann auf der Internetseite www.stille-helden.at über seine Erfahrungen berichten.

Zu lesen ist dort etwa die Geschichte vom vierjährigen Hannes, der zwei ältere Brüder hat und am Downsyndrom leidet. Papa geht Vollzeit arbeiten, Mama kocht, putzt, wäscht, geht einkaufen und hilft den älteren Buben beim Homeschooling. Hannes spricht nicht, geht nicht, kaut nicht, weshalb er von seiner Mama gefüttert und getragen werden muss. Logo-, Physiotherapie und Frühförderung fallen weg. Zu allem Überfluss droht nun seiner Mama eine Abmahnung, sollte sie die Arbeiten für einen Lehrgang im Sozialbereich, den sie macht, nicht rechtzeitig abgeben. „Es ist unfassbar, was Familien und vor allem Frauen derzeit leisten“, sagt Kra. Genau solche Geschichten sollen deshalb gehört werden.

Geholfen hat Susi Kra immer ihre positive Einstellung und die Musik, ein Zufluchtsort für sie und ihren Partner, der ebenfalls in ihrer Poprockband Jetzt und Wir spielt. Eines nachts, in der Klinik, entstand ein ganz besonderer Song, der Text zu „Stille Helden“. Mit diesem Lied wollte ich mir Mut machen“, erzählt Kra, die nun mit ihrem Projekt anderen helfen möchte.

Gerade wird „Stille Helden“ samt Video mit ihrer Band und 13 Künstlern realisiert. Veröffentlicht wird der Song Ende Juni. Alle Einnahmen gehen an die Tiroler „Schneeschmelzgaudi“, eine ehrenamtliche Projektgruppe, die betroffene Familien unterstützt.


Kommentieren


Schlagworte