Verunsichert, einsam, ohne Perspektive: Jugendliche in der Warteschleife

Mehr als drei Viertel der österreichischen Jugendlichen sehen sich, laut der Jugendwertestudie 2020, in Zukunft mit drastisch erhöhter Arbeitslosigkeit konfrontiert.

Junge Menschen blicken einer unsicheren beruflichen Zukunft entgegen, was sie jetzt brauchen, wäre Ehrlichkeit von Politik, Schule und Eltern.
© istock

Von Nina Zacke

Innsbruck – Cem M. (Name von der Redaktion geändert) ist 16 Jahre alt und geht in die erste Klasse einer allgemein bildenden höheren Schule. Schon vor der Krise fühlte sich Cem mit den Anforderungen der Schule überfordert. Das hat sich während der Home-Schooling-Phase nicht verbessert, sondern ganz im Gegenteil sogar noch zugespitzt. „Ich werde die Schule nach diesem Jahr beenden und eine Lehrstelle suchen“, steht für Cem bereits heute fest. Wann der junge Mann einen Ausbildungsplatz finden wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar.

Die Angst vor der Zukunft ohne Berufsperspektive kann für Jugendliche in der derzeitigen Situation überwältigend sein und sie extrem verunsichern. So sehen 80 Prozent der österreichischen Jugendlichen ein drastisches Ansteigen der Arbeitslosigkeit im Zuge der Corona-Problematik auf sich zukommen. Besonders bedroht von einer möglichen Massenarbeitslosigkeit fühlen sich die Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Zwei Drittel der jungen Österreicher befürchten sogar, dass es in Folge des Corona-Shutdowns zu einer Weltwirtschaftskrise kommen wird. Das besagt die aktuelle Jugendwertestudie 2020, in der 1000 Österreicher im Alter von 16 bis 29 Jahren vom Institut für Jugendkulturforschung gemeinsam mit der T-Factory Trendagentur zu ihrem Leben in der Corona-Isolation befragt wurden.

Die Jugendkulturforscherin Beate Großegger sieht die berufliche Zukunft für viele junge Menschen problematisch, eben weil sie nicht planbar und unsicher sei: „Eine breite Mehrheit der jungen Menschen ist mit den Maßnahmen im Zusammenhang des Shutdowns gut zurechtgekommen, sie haben sich allerdings darauf verlassen, dass es ein kurzes Zeitfenster sein wird. Sie hatten die Hoffnung, es geht in geregelten Bahnen und gut weiter.“ Diese Hoffnung haben die Jugendlichen nach wie vor. Wie es aber weitergehe, liege im Nebel und das verunsichere, so Großegger weiter. Verstärkt wird die Verunsicherung zudem dadurch, dass die Eltern selbst planlos sind: „Was gerade junge Menschen verunsichert, ist, wenn Erwachsene selber ganz offen sagen, dass sie keinen Plan für die Zukunft haben“, erläutert Großegger. Die Überforderung der Erwachsenen im Umgang mit der Krise führe für die Jugend zu einem großen Aha-Erlebnis, sagt sie. Denn: Wenn es hart auf hart kommt, müssten Eltern eine Lösung haben. Was die Jugendkulturforscherin und ihre Kollegen beobachten, ist, dass sich die Jugendlichen momentan in einer Warteschleife befinden.

So haben die bereits erwerbstätigen Jugendlichen Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, und die Schüler, Lehrlinge sowie Studierenden fürchten, dass sich in ihren Bildungsbiografien Verzögerungen ergeben. Daran angebunden sei natürlich ein großes Fragezeichen, wie es beruflich weitergehe, erläutert die Sozialforscherin. „Dieses Phänomen ,Generation Praktikum‘, das wir schon vor der Krise gerade in den bildungsstarken Milieus sehr ausgeprägt beobachten konnten, wird sich weiter zuspitzen“, betont Großegger. Der Arbeitsmarkt sei für junge Menschen genauso eng wie auch für alte. Das, was man heute befürchten müsse, sei, dass es zu einem Konkurrenzkampf um gute ­Lebenschancen komme, warnt sie.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

„Bedingt durch die hohen Arbeitslosenzahlen ist es für viele Jugendliche derzeit eine große Herausforderung, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen“, sagt auch Florian Reiner, Projektleiter von ARGE Jugendcoaching Tirol. Jungen Menschen sowie deren Eltern bietet das Jugendcoaching Tirol, ein kostenloses und freiwilliges Angebot des Sozialministeriumservice, in Zeiten wie diesen Hilfestellung. Beim Coaching stehe der Jugendliche mit seinen Themen im Mittelpunkt und es werde gemeinsam versucht, einen Weg zu finden, wohin seine Reise gehen könne, erklärt Reiner und ergänzt: „Einen Coach zu haben, ist nicht ungewöhnlich, sogar ein Sportler hat einen, weil er schneller weiterkommen will.“ Auch Cem wandte sich ans Jugendcoaching Tirol. „Mein Klassenvorstand hat mir die Kontaktdaten gegeben und dann habe ich mich dort gemeldet“, sagt der 16-Jährige. Gemeinsam mit seiner Coachin macht Cem wöchentlich Übungen und Reflexionsarbeit, seine Persönlichkeit, sein Können sowie seine Interessen betreffend. Der Jugendliche sei vielseitig interessiert, sehr motiviert und reflektiert. Möglicherweise wird er bereits im Sommer einen Praktikumsplatz bekommen, abhängig von den weiteren Entwicklungen.

An Motivation und Engagement fehlt es auch dem Rest der österreichischen Jugend nicht. Das bestätigen die Beobachtungen der Jugendkulturforschung. In einer Vergleichsstudie habe man festgestellt, dass in der Krise sowohl die Leistungsorientierung stabil geblieben sei als auch die grundsätzliche Motivation vorhanden wäre, so Beate Großegger. Was junge Menschen jetzt brauchen, seien ehrliche Informationen von Politik, Schule und Eltern. Denn: „Sie wollen wissen, wo sie stehen“, konkretisiert die Sozialforscherin.

Jugendcoaching Tirol.

Mehr Informationen dazu findet man auf der Homepage www.jugendcoaching-tirol.at


Kommentieren


Schlagworte