Nahe an der Perfektion: ESPN-Doku über Michael Jordan

Basketball ist derzeit in aller Munde. Der Grund? Die ESPN-Doku "Der letzte Tanz" über Michael Jordan, der in den 90er-Jahren seinen Sport als Weltmarke etablierte.

Unerreicht bis heute: die legendäre Nummer 23 der Chicago Bulls, Michael Jordan.
© gepa

Von Daniel Suckert

Innsbruck – Es gibt selten Sportarten, bei denen sich die Frage nach dem Besten aller Zeiten beantworten lässt. Im Basketball tut man sich etwas leichter: Michael Jordan war der Perfektion – soweit es diese überhaupt gibt – sehr nahe. Und das, obwohl er auch genügend Würfe in seiner herausragenden Karriere verworfen hatte. Trotzdem gab es keinen vergleichbaren Spieler vor und nach ihm. Das verdeutlicht die aktuelle ESPN-Dokumentation (abrufbar auf Netflix) „Der letzte Tanz“.

Der Tyrann: Dass die zehnteilige Serie derzeit alle Rekorde bricht, liegt an den einzigartigen Einblicken, die ein Kamerateam in Jordans letzter Saison 1997/98 bei den Chicago Bulls einfangen durfte. Und es zeigte zugleich Bilder des sechsfachen NBA-Champions, die ihm selbst Angst machten: „Wenn die Menschen diese Bilder sehen, glauben sie vielleicht, ich sei eine schreckliche Person.“

Das lag an seinen teilweise besessenen Ansprüchen. An sich, seine Teamkollegen und den Club. Das gefiel nicht jedem. Am wenigsten Chicago-Bulls-Manager Jerry Krause. Der stellte die Meistermannschaft (1991/92/93/96/97/98) der Bulls zwar zusammen, rangierte jedoch stets das große Ganze über die einzelnen Akteure.

Das gefiel Jordan und Co. ganz und gar nicht. Darum hänselte „MJ“ Krause in der Öffentlichkeit aufgrund seiner geringen Körpergröße. Krause wiederrum stattete Jordans kongenialen Partner Scottie Pippen zwar mit einem Sieben-Jahres-Vertrag aus, sein Gehalt gehörte aber zu den geringsten unter den Bulls-Spielern.

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Als Manager Krause in aller Öffentlichkeit von Toni Kukoc schwärmte (Bulls-Verpflichtung 1993), zeigte ihm Jordan mit dem unvergessenen „Dream Team“ bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, wie weit der Kroate vom Niveau des Ausnahmetalents entfernt war. „Siegen hat seinen Preis. Wer mit mir spielen wollte, musste meine Ansprüche erfüllen. So wie ich selbst“, erklärte „His Airness“.

Jordan pushte hart und die Öffentlichkeit zeichnete zwischenzeitlich das Bild eines Tyrannen. Doch es war schlichtweg sein Ehrgeiz, der ihn bis heute, unter anderem, als alleinigen NBA-Rekordmann in Sachen Punkteschnitt (30,1 Zähler pro Spiel) aufleuchten lässt.

Der Vater: Der wichtigste Wegbegleiter war Vater James. Der Tod nach einem Überfall (1993) warf „MJ“ in ein tiefes Loch. Er erklärte seinen Rücktritt, tauschte die Basketballschuhe gegen den Baseball-Handschuh, weil „mein Vater immer wollte, dass ich Baseball spiele“. Sein Sohn tat es. Allerdings nicht einmal ein Jahr lang. Sein „I’m back“ versetzte die Welt erneut in Ekstase. Trotzdem scheiterten die Bulls im NBA-Halbfinale (1994) an den Orlando Magic.

Die Motivation: Und genau in solchen Niederlagen zeigte sich, wozu der Shooting Guard fähig war. Stand jemand über ihm, galt es den so schnell als möglich wieder zu verdrängen. Ein Jahr später legten die Bulls eine Rekordsaison (72 Siege) hin, führten die Magic im Halbfinale vor und schnappten sich danach den vierten von sechs Titeln. Für Jordan war es der emotionalste. Er wälzte sich in der Kabine am Boden, aufgelöst in Tränen. Es war der erste Triumph ohne Vater James.

Jordan verhalf dem Basketball zu weltweiter Anerkennung. Mit Dominanz und Eleganz zugleich. Und das in einer Zeit, als unter dem Korb noch Körperkontakt an der Tagesordnung stand. Seinem Sponsor Nike verschaffte er bis heute Einnahmen jenseits der Milliarden-Grenze. Dass er nie politisch Partei ergriff, ließ seine afroamerikanischen Landsleute ihn eine Zeit lang mit Skepsis sehen. Als man ihn einmal um seine Unterstützung für einen farbigen Politiker bat, lehnte Jordan ab: „Auch Republikaner kaufen Sneakers.“ Unter den weltweit zehn meistverkauften Sneakers 2019 befinden sich zwei Jordan-Modelle.

Der heute 57-jährige Mehrheitseigentümer der Charlotte Hornets genoss fast immer hohe Beliebtheitswerte. Quer durch alle Gesellschaftsschichten. Vielleicht, weil er am Ende des Tages seine Leidenschaft in den Vordergrund gerückt hat: „Ich gebe jeden Abend alles. Denn irgendwo im Publikum könnte jemand sitzen, der mich nur einmal zu sehen bekommt.“


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