Freischaffender im freien Fall: Land verwehrt Popmusik Förderung in der Krise

Jo Stöckholzer wollte während des Veranstaltungsstopps sein drittes Album aufnehmen. Ein Arbeitsstipendium des Landes wurde ihm verwehrt, weil Pop sich selbst finanziere.

Für „Veränderung“ ließ sich Jo Stöckholzer 2018 auf offener Bühne den Kopf rasieren. Die Performance sorgte selbst in England für Schlagzeilen.
© Kink

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Jo Stöckholzer fühlt sich im Stich gelassen. Der 26-jährige Innsbrucker ist freischaffender Musiker. Seit 2012 hat er zwei hochgelobte Alben und mehrere Singles veröffentlicht, stand solo und als Mitglied verschiedener Bands auf den kleinen und ganz großen Bühnen des Landes, 2016 etwa beim Nova-Rock-Festival. Seine im Innsbrucker Treibhaus mitgeschnittene Performance „Veränderung“ schaffte es bis in die britische Presse und „Geschichtsbücher“ – eine Zusammenarbeit mit der Tiroler Rapperin „Spilif“ – stand Anfang des Jahres in den iTunes-Alternative-Charts.

Dann kam Corona. Und mit Corona das Veranstaltungsverbot. „Konzerte sind die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle der Branche“, sagt Stöckholzer, der im Stillstand trotzdem eine Chance wähnte. Erste Songs und viele Ideen für sein drittes Album gab es bereits. Daran wollte er arbeiten. Zumal er vor Kurzem auch das kleines Plattenlabel „unserallereins“ mitgegründet hat. „Auch hier gibt es derzeit keine Einnahmen, aber laufende Fixkosten.“

Stöckholzer bewarb sich für eines der vom Land Tirol Mitte April unter dem Motto „Wir lassen niemanden im Stich“ angebotenen Arbeitsstipendien für Kulturschaffende, die die Maßnahmen zur Infektionseindämmung um ihr Einkommen brachte.

Für drei Monate stellte das Land jeweils 1000 Euro in Aussicht – die TT berichtete. Die Voraussetzungen für eine Einreichung waren klar: ein konkretes Projekt sowie eine einschlägige Ausbildung oder mehrjährige Arbeit im jeweiligen Fach. „Weil ich mir sicher sein wollte, hab’ ich im Kulturamt angerufen. Dort wurde mir geraten, sofort anzusuchen, dann könne ich schon Anfang Mai mit meinem Vorhaben beginnen“, sagt der Musiker.

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Am 7. Mai wurde Stöckholzers Ansuchen mit Bedauern, aber ohne Angabe der Gründe abgelehnt. Erneut griff Stöckholzer zum Telefon. „Ich wollte verstehen, warum mein Projekt nicht unterstützt werden kann.“ Verwiesen wurde vornehmlich auf Stöckholzers fehlende musikalische Ausbildung. „Ja, ich habe weder am Konservatorium noch am Mozarteum studiert, aber ich arbeite seit gut zehn Jahren als professioneller Musiker und bin als freischaffend angemeldet. Selbst Fortbildungen kann ich nachweisen“, stellt dieser im TT-Gespräch klar.

Auch der zweite Grund für den negativen Förderbescheid überzeugt den Musiker nicht. Stöckholzer sei ein Vertreter der „Popkultur“, wurde ihm mitgeteilt. Und Popkultur, also populäre Kultur, heiße ja, dass sie sich selbst finanziert. So seien ja auch seine bisherigen Alben nicht vom Land gefördert worden.

Auch für ein Arbeitsstipendium der Stadt Innsbruck hat sich Jo Stöckholzer inzwischen beworben. Hier sei in den nächsten Tagen mit einem Bescheid zu rechnen.

In Wien wird Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer heute die künftigen Lockerungen für die Kultur- und Veranstaltungsbranche präzisieren. Für seinen Bereich macht sich Jo Stöckholzer allerdings keine allzu großen Hoffnungen: „Ich gehe nicht davon aus, dass Konzerte, die für September geplant sind, stattfinden können. Gerade für kleinere Clubs rechnen sich bestuhlte Konzerte nicht. Ich muss davon ausgehen, dass ich heuer nicht mehr auftreten werde.“ Deshalb hat Jo Stöckholzer dieser Tage sprichwörtlich umgesattelt – und arbeitet geringfügig beschäftigt in einer Sattlerei. „Damit – und dank Zuwendungen von Verwandten und Freunden – halte ich mich derzeit mehr schlecht als recht über Wasser.“


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