Starke Zunahme von Delikten: Studie zu Jugendbanden in Tirol geplant

Die Zahl krimineller Delikte, die von Jugendlichen verübt werden, hat in Tirol zuletzt stark zugenommen. Das Land will deshalb das Phänomen wissenschaftlich ergründen lassen.

Die meisten der Taten werden in Innsbruck und Umland von zirka 130 Jugendlichen in unterschiedlichen Konstellationen begangen. Der „harte Kern“ der Banden setzt sich aus ungefähr 25 Jugendlichen zusammen.
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Von Benedikt Mair

Innsbruck – Ein 17-Jähriger steigt in der Nacht auf gestern aus einer Straßenbahn in der Innsbrucker Reichenauerstraße und wird wohl von einem anderen Fahrgast dazu gezwungen, an einem nahegelegenen Bankomaten Geld abzuheben. Nachdem das nicht funktionierte, wurde ihm mehrmals gegen den Oberkörper geschlagen. Die Verletzungen waren so schwer, dass das Opfer in der Klinik behandelt werden musste. Laut Polizei ist davon auszugehen, dass es sich bei dem Täter um einen 15-Jährigen Österreicher handelt. Gefasst wurde er aber noch nicht.

Anstieg um 28 Prozent

Dieser Fall aus Innsbruck ist nur das aktuellste Beispiel eines Phänomens, das in Tirol seit einiger Zeit vermehrt auftritt. Die Zahl der kriminellen Delikte, die von Jugendlichen verübt werden, hat enorm zugenommen – allein vom Jahr 2018 auf das Jahr 2019 wurde ein Anstieg um 28 Prozent verzeichnet. Aus diesem Grund stellte die Tiroler FPÖ im Landtag bereits vor einiger Zeit eine Antrag auf eine Studie, welche die „Ursachen für steigende Jugendgewalt und -kriminalität“ ergründen soll.

Der zuständige Ausschuss wollte die Einbringung so lange nicht behandeln, bis eine Stellungnahme der Landespolizeidirektion vorliegt. Diese ist jetzt da und fällt durchaus positiv aus. Eine derartige Untersuchung werde „für sinnvoll erachtet“, teilt Landespolizeidirektor Edelbert Kohler mit. „Seriöse, interdisziplinäre wissenschaftliche Studien können immer einen Beitrag zum besseren Verstehen von Sachverhalten darstellen“, was laut Kohler von der Tiroler Landespolizeidirektion begrüßt werde. Jugendlandesrätin Patrizia Zoller-Frischauf (ÖVP) bestätigt auf Nachfrage der TT, dass bereits konkret an der Planung der Studie gearbeitet werde.

Die Problematik der wachsenden Jugendkriminalität konzentriert sich nicht nur, aber hauptsächlich auf Innsbruck. Laut Stadtpolizeikommandant Martin Kirchler gibt es jede Woche mehrere derlei gelagerte Taten, „bei denen selten einzelne, sondern meistens mehrere Jugendliche, ja sogar Banden beteiligt sind.“ Die Exekutive in der Landeshauptstadt, wo sich seit Ende vergangenen Jahres eine eigene Ermittlungsgruppe rein mit dem Thema Jugendkriminalität befasst, beobachtet besonders eine Zunahme im Bereich der Straßenkriminalität.

"Gewisses Geltungsbedürfnis als Antrieb"

„Etwa bei Raubdelikten“, sagt Kirchler. „Häufig richten sich die Taten gegen Gleichaltrige.“ Wie der Stadtpolizeikommandant berichtet, sind rund 130 Jugendliche in verschiedenen Konstellationen an den Delikten beteiligt. „Den harten Kern der Gruppe machen rund 25 Jugendliche aus.“ Und warum das alles? „Monetäre Beweggründe scheinen untergeordnet“, meint Kirchler. „Eher treibt sie ein gewisses Geltungsbedürfnis an. Der Glaube, dass es cool ist, bewaffnet zu sein, dass es cool ist, andere zu unterdrücken.“ Noch tut sich die Polizei schwer, die Entwicklung zu stoppen. „Der gewünschte Erfolg durch rasche und strenge Sanktionen hat sich nicht eingestellt.“

Umso erfreuter ist FPÖ-Klubobmann Markus Abwerzger darüber, dass die von ihm und seinen Landtagskollegen beantragte Studie nun in den Startlöchern steht. „Wir wollen wissen: Woher kommt diese Entwicklung? Und wie können wir verhindern, dass mehr Jugendliche auf die schiefe Bahn abdriften?“ Am Ende erhofft sich Abwerzger „einen Leitfaden für die Handhabe der politischen Organe, Polizei und sozialen Einrichtungen, um das Phänomen eindämmen zu können“.

Landesrätin Zoller-Frischauf will Inhalt und Ausrichtung der Erhebung nun mit allen Landtagsparteien diskutieren. Beim Innenministerium seien schon Experten angefragt worden, die für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik in Frage kämen. „Nicht alle Jugendlichen sind kriminell. Für jene, die Gefahr laufen, es zu werden, wollen wir Verbesserungen in die Wege leiten. Denn auch sie sind unsere Zukunft.“


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