Meyer: „Kaum noch Politiker mit Leidenschaft für Kultur“

Es ist eine spannende Zeit für die Wiener Volksoper. Direktor Robert Meyer rechnet ob der Corona-Sperren alleine bis 30. Juni mit 3,5 Mio. Euro Einnahmen-Entgang. Dennoch plant der Chef des Hauses mit September in die neue Saison zu starten - die mit insgesamt neun szenischen Premieren aufwartet. Zuvor sprach Meyer mit der APA u.a. über seine Pläne für Outdoorkonzerte im Juni.

Meyer bemängelte in dem Gespräch auch mangelnde Wertschätzung der Kultur vonseiten der Politik und erörterte die Frage, ob er sich nochmals als Volksopern-Chef bewerben wird.

Hinsichtlich des „noch ohne Corona“ konzipierten Spielplans glaubt er, dass man diesen, „wie es nun aussieht, auch umsetzen“ werde können. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir den Termin unserer ersten Premiere, ‚Sweet Charity‘ am 13. September, einhalten können, wenn wir am 2. Juni mit den Proben beginnen. Das sind sehr gute Nachrichten“, berichtete Meyer.

„Der Probenplan sieht jetzt natürlich ganz anders aus als sonst. Da wir im Juni keine Vorstellungen spielen, können wir auf der Bühne bis zum Sommer intensiv proben. Und auch der Zuschauerraum wird für Proben genützt, wo zum Beispiel Chorproben mit großem Abstand stattfinden können“, so der Volksopern-Direktor.

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Sollten die derzeit gültigen Abstandsregeln auch im September noch gelten, seien Vorstellungen unter diesen angedacht, so Meyer: „Wir haben mittlerweile das gesamte Haus vermessen. Wir haben an sich ja 1.330 Plätze. Wenn wir nun immer einen Platz auslassen und versetzt platzieren, könnten wir vor 600 Zuschauer spielen. Das ist zwar nicht einmal die Hälfte, aber wir würden auch das machen.“

Auch die laufende Saison sei „nicht ganz“ perdu: „Ich habe mich gefragt: Wenn das Publikum nicht zu uns kommen darf, weshalb gehen wir nicht zum Publikum? Wir haben so viele schöne Parks in der Nähe der Volksoper. Mein Plan ist, dort an den Juniwochenenden kleine Gratiskonzerte zu machen und das Orchester hat begeistert Vorschläge gemacht.“ Man denke etwa an ein Programm der Blechbläser, Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ oder das Salonorchester der Volksoper. „Und im Währinger-Park könnten wir am letzten Wochenende ein großes Operettenkonzert mit Gesangssolisten veranstalten. Da holen wir gerade die nötigen Genehmigungen ein. Und unsere Musiker wollen unbedingt mitmachen.“

Das vielfach kritisierte Vorgehen vonseiten der Bundesregierung gegenüber der Kulturszene kommentierte Meyer mit: „So überraschend kam das nicht. Österreich nennt sich zwar immer Kulturnation, aber es ist ja schon lange bemerkbar, dass der wahre Wert der Kultur von der Politik lange nicht so hoch gesehen wird, wie wir das gerne hätten. Jetzt ist es nur gnadenlos sichtbar geworden durch die Krise.“ Viele Künstler wüssten „nun wirklich nicht mehr“, wie sie die Miete bezahlen können.

Der Operndirektor sieht „Desinteresse“ hinter diesem politischen Verhalten. „Es gibt heute kaum noch Politiker, die eine Leidenschaft für die Kultur haben und ins Theater gehen oder ein Instrument spielen. Dass Ulrike Lunacek für die Kulturagenden ausgewählt wurde, obwohl sie vorher nie mit dem Thema befasst war, spricht doch Bände: Nur, weil ich mir ein Pflaster auf eine Wunde kleben kann, werde ich doch nicht Gesundheitsminister!“


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