Bischof Glettler für „nüchterne Aufarbeitung des Vergangenen“

Innsbrucks Bischof Hermann Glettler und Caritas-Direktor Georg Schärmer treten für „umfassenden Solidaritätspakt“ ein.

Vorstellung des Hirtenwortes der österreichischen Bischöfe im Haus der Begegnung Innsbruck: (v. l.) Daniela Soier, Bischof Hermann Glettler, Hildegard Anegg und Georg Schärmer.
© Diözese Innsbruck/Sigl

Von Marco Witting

Innsbruck – Der Innenhof im Haus der Begegnung gestern Vormittag. Von rechts dringt Baulärm aus der Umgebung herein. Links hört man die Vögel zwitschern. Für Innsbrucks Bischof Hermann Glettler sinnbildlich für die derzeitige Lage. Einerseits kehrt ein Teil der Normalität zurück. Andererseits sind die Folgen der Krise noch überall zu spüren.

Die neue Normalität? Für Glettler und Caritas-Direktor Georg Schärmer soll es eine „geistvoll erneuerte Normalität“ sein. Österreichs Bischöfe plädieren in ihrem Hirtenbrief zu Pfingsten für ein konstruktives Miteinandner und einen umfassenden Solidaritätspakt. Glettler selbst sieht den Brief als Impuls und Diskussionsgrundlage, man wolle nicht belehren. Der Hirtenbrief habe durchaus Aktualität. Es gebe öffentlich geführte harte Auseinandersetzungen, einen „hohen Pegel an Empörung, Anklage und eine verbissene Suche nach Schuldigen“. Glettler weiter: „Selbstverständlich ist eine nüchterne Aufarbeitung des Vergangenen notwendig und Kritik erwünscht. Aber Gehässigkeit und Hochmut können wir uns schlicht nicht leisten.“ Es brauche einen neuen Geist, auch im Umgang mit Versagen von Einzelpersonen und Behörden. Glettler forderte zudem eine menschliche Fehlerkultur ein. Damit dürfte wohl auch die Ischgl-Causa gemeint sein: Konkret sprach der Innsbrucker Bischof dies aber nicht an.

Nach sehr komplizierten Wochen in der Seelsorge gibt es auch in den Kirchen ab morgen Freitag weitere Lockerungen. Glettler: „Vielleicht waren wir eine Spur zu vorsichtig. Im Rückblick kann das vielleicht sein. Aber wir wollten einerseits mit gutem Vorbild vorangehen und andererseits nicht, dass in den Kirchen, wo es ja um das Leben geht, Ansteckungen erfolgen.“

Innsbrucks Bischof und seine Amtskollegen nahmen den Hirtenbrief auch zum Anlass, eine „soziale, wirtschaftliche und kulturelle Neuausrichtung“ einzufordern. Speziell auch, was den Umweltschutz betrifft. „Gegen die Klimakrise wird es keinen Impfstoff geben“, sagte Glettler – bekanntlich nie um einen zitierbaren Spruch verlegen. Die Krise habe auch gezeigt, dass viele neue Chancen und ein neuer Geist entstehen könne.

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Ähnlich sah das Caritas-Direktor Georg Schärmer, der sich einerseits „dankbar“ für die bisherige Bewältigung der Krise zeigte und andererseits „gewaltige Herausforderungen“ auf die Gesellschaft zukommen sieht.

Konkret seien es drei Themenfelder, die es in den kommenden Monaten zu bearbeiten gilt. „Da ist die Pflege, die ich als Achillesferse unserer Gesellschaft sehe. Reißt die, dann geht auch die Gesellschaft in die Knie.“ Schärmer erneuerte seine Forderung nach einem eigenen Ministerium für die Pflege. „Wir müssen auch bei der Arbeit und Beschäftigung neue Wege gehen. Es braucht dringend Projekte zur Beschäftigung von arbeitslosen Jugendlichen.“

Und die Krise habe auch gezeigt, dass besonders verletzliche Gruppen am Rande der Gesellschaft es besonders schwer haben und diese oft ganz vergessen werden. „Wir brauchen hier eine neue Radikalität und müssen, was den Sozial- und Gesundheitssektor angeht, weg vom Bittstellertum.“

Das Pfingstfest sei „Impuls und Motivation zur Erneuerung“, sagte Glettler. Jenes 2020 vielleicht eines, an den es nicht an den Gardasee, sondern stattdessen in die Kirche geht. „Es soll nicht in den alten Trott zurück, in das Zuviel und Immer-Mehr. Dazu braucht es Geist“, sagte Glettler. Der Hirtenbrief ist im Internet unter www.bischofskonferenz.at abrufbar.


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