Im Anfang war der Slogan: Werke von Corita Kent in Innsbruck

Eine etwas andere Factory, eine etwas andere Pop-Art: Das Taxispalais zeigt ab heute Arbeiten der Künstlerin und Nonne Corita Kent.

Anti-Vietnam-Statement: Kents Siebdruck „american sampler“ (Ausschnitt) von 1969 ist US-Flagge und Botschaft zugleich.
© Evans

Innsbruck – Bei Andy Warhol wurde das Atelier zur Factory, nicht nur weil der Pop-Art-Star alte Fabriksgebäude zu seinen Ateliers machte, sondern auch weil er dort im großen Stil Kunst „produzierte“.

Eine etwas andere Factory gab es in den Sechzigern nicht nur im hippen New York, sondern auch in Los Angeles, genauer im Orden der Immaculate Heart of Mary. Und auch hier wurde Kunst „produziert“, ihr Star war Sister Corita.

Die Pop-Art von Corita Kent (1918–1986) aus den Sechzigern zeigt das Taxispalais Kunsthalle Tirol ab heute (über Pfingsten mit freiem Eintritt) in „Joyful Revolutionary“ – der ersten Einzelausstellung Kents in Österreich. Auch wenn die Ordensschwester und ihr Oeuvre in Europa weitgehend unbekannt ist, in US-amerikanischen Künstlerkreisen gilt Kent als Impulsgeberin, ihr Zugang zur Pop-Art ist grundlegend ein anderer als bei Warhol. Von Kollegen wird sie geschätzt: John Cage oder Alfred Hitchcock zählen zu ihren Freunden – sie wurden von Kent ans College ihres Ordens geladen, um vor Schülern zu sprechen.

Dort war Kent zur renommierten Kunstprofessorin avanciert, mit 18 trat sie der Gemeinschaft bei, aus der sich schließlich das Corita Kent Art Center entwickelte, wo die im Taxispalais ausgestellten Leihgaben auch herkommen. Wie dort gearbeitet wurde, zeigt der Dokumentarfilm „Alleluja“ von Thomas Conrad, der ebenso im Taxispalais läuft: Kent zieht mit Assistenten bunte Drucke ab, Farbschicht um Farbschicht. Die Ergebnisse, ästhetisch anspruchsvoll und inhaltlich gehaltvoll, hat Direktorin Nina Tabassomi in ungewohnt farbintensive Räume gehängt – nicht chronologisch, sondern nach Motiven und Serien geordnet.

Der Rundgang beginnt mit „Circus Alphabet“, 26 Buchstaben-Bildern, in denen Kent Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert aus dem Zirkusumfeld oder der Werbung mit Zitaten von E. E. Cummings, Rainer Maria Rilke oder Albert Camus kombiniert. Mit Cummings „damn everything but the circus“ setzt die Serie ein: Beim „E“ wird Kent persönlich: Über die klangliche Übereinstimmung des Buchstabens mit dem englischen „I“ (Ich) legt sie die Illustration eines Auges und Camus’ „Ich möchte mein Land lieben können, ohne aufzuhören, die Gerechtigkeit zu lieben“ dazu. Das Simple in ihren Motiven und Farben überführt Kent hier in Fragen politischer, spiritueller und philosophischer Natur.

Im Anfang war der Slogan, das gilt bei diesen Arbeiten wortwörtlich, in anderen Werken dominiert hingegen das Bild: Über appropiierte Porträts von Robert Kennedy oder Martin Luther King, die wieder mit Textfragmenten, etwa aus der Popkultur, kombiniert werden, bekundet Kent ihre Solidarität mit Bürgerrechts- oder Anti-Vietnam-Bewegungen.

In Vitrinen versammelt Tabassomi zusätzlich Dokumentationsmaterial, Artikel oder Einladungskarten. Und einen Abschiedsbrief: Ende der Sechziger verlässt Kent die Community. „Bisher Nonne, für immer Künstlerin“, titelt dazu eine US-amerikanische Zeitung. Außerhalb der Factory werden Kents Bilder aber schnell gefällig.

Gut also, dass sich die Innsbrucker Schau auf die Sechziger konzentriert. Da ist ihr Oeuvre lebendig, kann als Pop-Art ebenso wie als Wegbereiter der Pictures Generation gesehen werden. Schnell hat man ihre Art des Kombinierens aber auch durchschaut: Brüche, Unschärfen inhaltlicher oder ästhetischer Natur sind kaum zu entdecken. Tabassomi will Kent aber als Vorbild für jüngere Kunstschaffende verstanden wissen. Welche Bezüge es ins Heute gibt, gilt es in Vermittlungsformaten zu erörtern. Bis Oktober hat man dazu ja mehr als genügend Zeit. (bunt)


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