Ann Cotten und Clemens Setz: Teufelsfrau und Schmerzensmann

Dank Ann Cotten und Clemens Setz liegen zwei hierzulande bislang beinahe unbekannte Texte aus Übersee nun in kongenialer Übersetzung vor.

Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels. Aus dem Amerikanischen von Ann Cotten. Reclam, 205 Seiten, 18,50 Euro.

Innsbruck – Die besten Leseempfehlungen kriegt man gemeinhin von Autorinnen und Autoren, denn hauptberufliche Schreiber sind hochprofessionelle Leser, die sich den Blick hinter hausmauerhohe Spitzen­titeltürme bewahrt haben. Auch deshalb, aber das nur am Rande, fehlen die Begegnungen mit Schreibenden vor und – vor allem – nach Lesungen derzeit. Dass viele Veranstalter – etwa das Innsbrucker Literaturhaus am Inn – bald wieder Programm anbieten wollen, macht auch in dieser Hinsicht Hoffnung.

Ann Cotten und Clemens Setz sind ziemlich genau gleich alt, also beinahe Ende dreißig. Beide zählen nicht nur zu den spannendsten Wort- und Satzkünstlern der hiesigen Gegenwartsliteratur. Und ähnlich abenteuerlich wie ihre eigenen Texte – egal ob sie sich nun als Romane, Lyrik oder Essayistisches etikettieren lassen – sind bisweilen ihre Lektüren. Setz etwa schrieb schon vor Jahren die von kaum gebändigter Entdeckungslust befeuerte Kolumn­e „Nicht mehr lieferbar“ für das Magazin Volltext – und rief dafür regelmäßig das in Erinnerung, was der deutsch­sprachige Literaturmarkt vergessen hat. Und bei Cotten reicht schon schnelles Blättern in ihrem 2016 erschienenen, grenzgenialen Versepos „Verbannt!“, um zu erahnen, dass sie sich unaufhaltsam durch den Grenzwall des Gängigen gelesen hat.

Ann Cotten.
© imago stock&people

Sowohl Cotten als auch Setz arbeiten auch als Übersetzer. Jüngst haben beide Werke aus dem US-amerikanischen Raum ins Deutsche herübergeholt. Doch genug der – zugegeben: etwas bemühten – Parallelführung. Obwohl, ein letzter Satz im Gleichschritt sei gestattet. In beiden Fällen muss man den Übersetzern für ihre so mühelos wirkenden Mühen danken, denn sowohl Ann Cotten als auch Clemens Setz ermöglichen das, was geübte Klappentextschreiber oft versprechen: eine Entdeckung.

Clemens Setz.
© imago stock&people

Ann Cotten hat sich Mary MacLanes angenommen. Deren Buch – mit treffenden Gattungszuschreibungen sollen andere glänzen – „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ erschien 1902. Da war MacLane gerade einmal 20. Auf den Teufel im Titel wurde allerdings zunächst verzichtet. Verkauft hat sich der in Form eines Tagebuchs abgefasste Text zunächst als „The Story of Mary MacLane“ aber eine Zeit lang vorzüglich, wurde vergessen – und nie ins Deutsche übersetzt.

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Ins Jahr 2020 passt „Ich erwarte die Ankunft des Teufel“ schon allein, weil man es ohne große Anstrengung zur „Autofiktion“ erklären kann. Und „Autofiktion“ ist derzeit en vogue. Mit schonungslos schönen Sätzen seziert Mary MacLane das eigene Selbst. Ihren Körper genauso wie den psychosozialen Überbau. Von dem, was Mary MacLane dabei entdeckt, ist sie schwer begeistert.

Selbstbewusst schildert sie sich als Genie, ruft nach Ruhm, philosophiert sich durch die Ödnis ihrer Umwelt und beklagt, dass die Welt für das, was gönnerhafte Machtmänner bis heute „starke Frauen“ schimpfen, nicht reif ist. Ein teuflisch guter Text, dem Ann Cotten mit großem Gespür für den Atem der Sätze von der ersten Zeile an gerecht wird.

Scott McCalahan: Sarah. Aus dem Amerikanischen von Clemens Setz. ars vivendi, 205 Seiten, 22,90 Euro.

Während Cotten einen vergessenen Klassiker ins Heute holt, widmet sich Clemens Setz einem Zeitgenossen. Auch in Scott McClanahans „Sarah“ tragen Autor und Protagonist denselben Namen. Mehr als eine Ahnung von „Autofiktion“ gibt es also auch hier. Aber wirklich wichtig ist das nicht. „Sarah“ ist durchexerzierter Existenzialismus.

Alles, was ist, geht irgendwann verloren. Das schickt McClanaha­n voraus. Und lässt es seine gleichnamige Hauptfigur in allen Facetten erleben. Dessen Ehe mit Sarah zerbricht. Nicht etw­a spektakulär, sondern so alltäglich, wie sie begonnen hat. Trotzdem gilt, was schon Camus für Sisyphos feststellt: Auch diesen Schmerzensmann darf man sich als glücklichen Menschen vorstellen. Und seine Geschichte als wunderbar witzige Lektion in Galgenhumor lesen. (jole)


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