„Fall Maddie“: Beschuldigter soll in Chat über Kindesentführung fantasiert haben

Immer mehr Einzelheiten werden über den Deutschen bekannt, der vor 13 Jahren die kleine Madeleine MacCann getötet haben könnte. In einem Chat soll er über die Entführung und den sexuellen Missbrauch eines Kindes fantasiert haben. Eine weitere Spur führt zu einem anderen Vermisstenfall.

Am 3. Mai 2007 verschwand Maddie (links als Dreijährige, rechts wie sie als Neunjährige ausgesehen haben könnte) und der Fall sorgt weiterhin für weltweite Schlagzeilen.
© EPA

Braunschweig, London, Magdeburg – Eine mögliche Spur im Fall der vor 13 Jahren verschwundenen Madeleine „Maddie" McCann führt einem deutschen Zeitungsbericht zufolge auch nach Sachsen-Anhalt. Die Magdeburger Volksstimme (Freitagsausgabe) berichtete, der 43-Jährige, gegen den im Fall Maddie wegen Mordes ermittelt wird, soll in der Nähe gewesen sein, als 2015 die damals fünfjährige Inga verschwand.

Bereits im Februar 2016 gab es dem Bericht zufolge auch in Sachsen-Anhalt Ermittlungen. Der Verdächtige besitzt demnach im Landkreis Börde ein altes, verfallenes Grundstück. Dort fanden die Beamten einen Datenstick mit Kinderpornografie. Nur einen Tag vor dem Verschwinden der aus der Stadt Schönebeck stammenden Inga soll der Verdächtige auf einem Autobahnrastplatz bei Helmstedt einen Unfall gehabt haben. Die Anwältin von Ingas Mutter fordert laut Volksstimme nun neue Ermittlungen.

Die fünfjährige Inga war am 2. Mai 2015 im Landkreis Stendal verschwunden, wo sie mit ihrer Familie zu Besuch gewesen war. Nach ihrem Verschwinden suchten Polizei und Helfer mehrfach große Waldstücke nach dem Mädchen ab. Die Ermittler gingen tausenden Spuren und Hinweisen nach.

Beschuldigter fantasierte in Chat über Entführung eines Kindes

Der Spiegel berichtete unterdessen, der im Fall Maddie Verdächtige habe in einem Chat über die Entführung und den sexuellen Missbrauch eines Kindes fantasiert. Das gehe aus dem deutschen Magazin vorliegenden Ermittlungsunterlagen hervor. Er wolle „etwas Kleines einfangen und tagelang benutzen", schrieb der Mann demnach im September 2013 in dem Chat an einen Bekannten. Auf dessen Einwand, dass das gefährlich sei, entgegnete er: „Och, wenn die Beweise hinterher vernichtet werden." Auch der Spiegel erwähnte die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Verschwinden der fünfjährigen Inga. Der Braunschweiger Verteidiger des Verdächtigen habe eine Anfrage des Magazins zu den Vorwürfen unbeantwortet gelassen.

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Bei dem Beschuldigten handelt es sich um einen mehrfach vorbestraften Sexualstraftäter, der derzeit hier in Kiel eine längere Haftstrafe verbüßt, die das Amtsgericht Niebüll bereits 2011 gegen ihn verhängt hatte.
© MORRIS MAC MATZEN

Im Fall Maddie ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig wegen Mordes gegen den 43-jährigen Deutschen, über den seit Donnerstag immer mehr Details bekannt wurden. Bei dem Beschuldigten handelt es sich demnach um einen mehrfach vorbestraften Sexualstraftäter, der derzeit in Kiel eine längere Haftstrafe verbüßt, die das Amtsgericht Niebüll bereits 2011 gegen ihn verhängt hatte. Dabei ging es um Handel mit Betäubungsmitteln.

Parallel ist wegen Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn Untersuchungshaft angeordnet. Denn zuletzt verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig am 16. Dezember 2019 wegen schwerer Vergewaltigung unter Einbeziehung früherer Strafen zu sieben Jahren Haft. Er hatte 2005, rund eineinhalb Jahre vor dem Verschwinden Maddies, im portugiesischen Praia da Luz eine damals 72-jährige Amerikanerin vergewaltigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Revision liegt beim Bundesgerichtshof.

Ebenfalls in Praia da Luz verschwand am 3. Mai 2007 die kleine Maddie aus einer Appartementanlage, wo sie mit ihrer Familie Urlaub machte.

Am Mittwochabend gaben Bundeskriminalamt (BKA) und Staatsanwaltschaft Braunschweig überraschend bekannt, dass der Deutsche im Fall Maddie unter Mordverdacht steht. „Wir gehen davon aus, dass das Mädchen tot ist“, bekräftigte der Sprecher der Braunschweiger Staatsanwaltschaft, Hans Christian Wolters.

Zahlreiche Hinweise durch „Aktenzeichen XY" eingegangen

Mit ihrem erneuten Zeugenaufruf haben die Ermittler ein wichtiges Ziel erreicht: Die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“, die den Fall am Mittwochabend thematisiert hatte, habe große Resonanz erfahren, sagte Wolters der Deutschen Presse-Agentur. „Es sind zahlreiche Hinweise eingegangen, die derzeit ausgewertet werden.“ Mehr als 5,2 Millionen Zuschauer hatten die ZDF-Fahndungssendung gesehen.

Nach Angaben der Ermittler lebte der Beschuldigte zwischen 1995 und 2007 regelmäßig an der Algarve, darunter einige Jahre in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz. Immer wieder pendelte er zwischen Deutschland und Portugal, wurde in beiden Ländern mehrmals straffällig. Im September 2017 wurde er wegen Besitzes von Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs eines Kindes vom Landgericht Braunschweig verurteilt. Der Mann habe eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten erhalten, die er bereits verbüßt habe, bestätigte Thomas Klinge, Sprecher der für Kinder- und Jugendpornografie zuständigen Staatsanwaltschaft Hannover.

Laut Spiegel weist das Strafregister des Mannes insgesamt 17 Einträge auf. Schon vor rund 27 Jahren, im Oktober 1993, verhängte das Amtsgerichts Würzburg eine zweijährige Jugendstrafe gegen den damals noch Minderjährigen wegen „sexuellen Missbrauches eines Kindes, versuchten sexuellen Missbrauchs eines Kindes sowie Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind“, wie aus Gerichtsunterlagen hervorgeht.

Die Eltern von Maddie haben eigenen Aussagen zufolge die Hoffnung nicht aufgegeben, ihre Tochter zu finden.
© REUTERS

Indizien deuten auf Missbrauch und Mord

Die Bild-Zeitung zitierte den „Aktenzeichen XY... ungelöst“-Moderator Rudi Cerne am Donnerstag mit den Worten: „Wir müssen festhalten an dieser Stelle: Es gibt noch keine Leiche, es gibt auch keinen dringenden Tatverdacht, es gibt Indizien, es gibt Hinweise, es gibt Tipps, es gibt aber keinen Beweis und es gibt kein Geständnis. Das ist jetzt eine Sisyphusarbeit, aber die Ermittler sind sehr sorgfältig, und ich habe den Eindruck, die Schlinge zieht sich da immer weiter zu.“

📽 Video | Polizei geht von Mord aus

Nach Ansicht des Profilers und Kriminalexperten Axel Petermann deuten die Indizien darauf hin, dass der Verdächtige die kleine Maddie nicht nur missbraucht, sondern auch ermordet haben könnte. „Von den äußeren Rahmenbedingungen könnte er durchaus als Täter in Frage kommen“, sagte der frühere Bremer Mordermittler der dpa. „Er war zur Tatzeit dort, hat offensichtlich eine Präferenz für Kinder, die er auch missbraucht hat, und scheint als Einbrecher in Hotelanlagen tätig gewesen zu sein.“

Es könne gut sein, dass der Mann das schlafende Mädchen bei einem Einbruch zufällig entdeckt habe, es zu einem Motivwechsel gekommen sei und er sich daraufhin an dem Kind vergangen habe, erklärte Petermann, der auch als Berater des Bremer ARD-„Tatort“ bekannt wurde. (APA/dpa)

© APA

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