Mord und Störung der Totenruhe: 43-Jähriger im Fall Lucile verurteilt

Mehr als sechs Jahre nach der Ermordung der französischen Austausch-Studentin Lucile in Kufstein wurde ein 43-Jähriger am Dienstag in Innsbruck wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt. Akribische Polizeiarbeit war Basis der Anklage.

Mehr als sechs Jahre nach dem Mord an Lucile wurde der 43-Jährige am Dienstag in Innsbruck wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt.
© Fellner

Innsbruck, Kufstein – Am 12. Jänner 2014 wurde die Leiche von Lucile am Inn in Kufstein gefunden. Am Dienstag musste sich ein 43-Jähriger in Innsbruck für die Tat verantworten. Am späten Nachmittag wurde der Rumäne schließlich wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt. Die Geschworenen trafen ihre Entscheidung einstimmig. Das Urteil war vorerst nicht rechtskräftig.

Der Fernfahrer war bereits in Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilt worden – wegen Mordes an einer 27-Jährigen. Da in Deutschland bereits die Höchststrafe verhängt wurde, bekam der 43-Jährige am Dienstag in Innsbruck keine Zusatzstrafe. Die aufgetragene Sicherungsverwahrung ist in Deutschland noch immer nicht rechtskräftig.

Den hinterbliebenen Eltern des Opfers (als Privatbeteiligten) wurden je ca. 14.000 Euro (Trauerschmerzengeld und Begräbniskosten) zugesprochen. Der Angeklagte hat Nichtigkeitsbeschwerde an den Obersten Gerichtshof in Wien und Berufung gegen den Privatbeteiligtenzuspruch an das Oberlandesgericht Innsbruck angemeldet. Das Urteil ist daher nicht rechtskräftig.

Bis zur Entscheidung über die Rechtsmittel bleibt der Angeklagte in Österreich in Haft, diese wird auf die deutsche Strafe angerechnet.

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Richter Norbert Hofer bedankte sich im Zuge der Urteilsverkündung bei den anwesenden Polizisten aus Deutschland und Österreich für die gute Zusammenarbeit, die schlussendlich zur Überführung des 43-Jährigen führte. Abschließend äußerte er sein Bedauern darüber, dass der Angeklagte selbst in Anwesenheit der Eltern von Lucile nicht zu seiner Tat stehen und ihnen Gewissheit geben könne, was mit ihrer Tochter passiert sei. Die gesamte Familie von Lucile war während der Verhandlung im Gerichtssaal anwesend.

📽 Video | Mordfall Lucile: Angeklagter verurteilt

Staatsanwalt beleuchtete Tatortsituation

Staatsanwalt Clemens Gattringer skizzierte vor den Geschworenen die aus Tausenden Daten herausgefilterten Beweismittel und beleuchtete noch einmal die Tatortsituation. Demnach hatten Lucile zwei Schläge auf den Kopf getroffen. Schon die Wucht des ersten Schlages war so groß, dass die 20-Jährige die nachfolgenden Geschehnisse nicht mehr bewusst miterleben musste.

In Analogie zum bereits rechtskräftig abgeurteilten Sexualmord bei Freiburg zitierte der Ankläger die Feststellungen des dortigen Psychiaters: „Carolin G. war wohl ein anonymes Zufallsopfer mit bloßem Objektcharakter“. Gattringer: „Diese Expertise ist auch zwanglos auf den Mordfall Lucile rückführbar." In der Gesamtschau aller Datensätze von DNA, Mautdaten und quasi einem Geständnis gegenüber einem deutschen Psychiater sah Gattringer die Tatausführung in Österreich als erwiesen an.

Angeklagter plädierte auf nicht schuldig

Verteidigerin Julia Konzett warnte indes davor, den Mordprozess als Formsache zu sehen. Vielmehr seien vom LKA seit 2014 etliche Spuren im persönliche Umfeld von Lucile nicht weiter verfolgt worden. So sei der 20-Jährigen das Handy schon Wochen vor der Tat gestohlen worden und später ein Bild der Studentin ganz in der Nähe des Tatortes von Unbekannt gepostet worden. Auch hätten sich die Ermittlungen nach der Tat in Deutschland ausschließlich auf den Angeklagten konzentriert, da er als einzig in Frage kommender Lkw-Fahrer damals alleine, ohne Beifahrer gewesen sei. Konzett: „Dies ist noch lange kein Schuldmerkmal!“

Zur großen Überraschung wollte der Rumäne darauf selbst aussagen. Im Prozess in Deutschland hatte er ja teilweise Fragen nicht mehr beantwortet und eine Erklärung verlesen lassen.

📽 Video | Angeklagter im Fall Lucile bekannte sich nicht schuldig

Vor den Geschworenen erklärte sich der 43-Jährige darauf für nicht schuldig. Und erklärte zur rechtskräftigen Verurteilung in Deutschland, dass er auch in Freiburg dort ein prozesstaktisches Geständnis abgegeben habe, dass mit der Wahrheit nichts zu tun gehabt hätte: „Ich habe es es nur aus Angst vor den Mithäftlingen abgegeben."

Richter Norbert Hofer: „Da haben wir ein Problem. Auf der Jacke des Opfers war eine DNA-Spur von Ihnen, die eins zu zweihundert Milliarden nur ihnen zugeordnet werden kann." Der Angeklagte erwiderte: „Ich habe keine Erklärung dafür.“ Der Richter: „Dafür gibt es auch keine Erklärung, genauso wie für den Fund ihrer DNA im Intimbereich von Lucile!“ Dafür reiche die zufällige Anwesenheit an nahen Tankstellen laut Richter Hofer nicht aus.

Psychiater aus Deutschland sagte aus

Der deutsche Psychiater bestätigte als Zeuge in Innsbruck, dass der Angeklagte ihm gegenüber in Freiburg von beiden Tötungsdelikten sprach. Beim zweiten Fall konnte es nur um die Tat in Kufstein gehen. Der Beschuldigte habe von Träumen gesprochen, die sich auf beide toten Frauen beziehen würden.

Von dem 43-Jährigen gehe jedenfalls eine hohe Gefahr für weitere Delikte aus, sagte der Psychiater. „Es spricht aus psychiatrischer Sicht einiges dafür, dass der Angeklagte ein klassischer Serienmörder ist."

Staatsanwalt sah keine Zweifel an Schuld

Am Nachmittag zogen sich die Geschworenen zur Beratung zurück. Der 43-jährige Angeklagte beuteuerte zuvor in seinem Schlusswort nochmals, „niemanden umgebracht zu haben".

Die Verteidigerin des Rumänen verwies in ihrem Schlussplädoyer auf Fragen, die auch nach dem Beweisverfahren noch offen seien. Sie meinte in Richtung der Geschworenen: „Wenn nur der geringste Zweifel bleibt, gilt: Im Zweifel für den Angeklagten."

Der Staatsanwalt sah hingegen keine Zweifel mehr an der Schuld des Rumänen. Die DNA-Spuren würden eine "deutliche Sprache" sprechen. „Nämlich, dass er beide Morde begangen hat", betonte der öffentliche Ankläger. Auch eine Spurengutachterin hatte zuvor erklärt, dass es „keinen vernünftigen Zweifel" daran gebe, dass die an den Opfern sichergestellten DNA-Spuren vom Angeklagten selbst oder einer Personen aus „seiner Linie" stammen würden. Man könne sogar mit „sehr hoher Wahrscheinlichkeit" sagen, dass sie vom Beschuldigten selbst stammen, meinte sie.

Von der Tat bis zum Prozess in Innsbruck: Ein Rückblick

Am 12. Jänner 2014 stand Kufstein still. Die Schockstarre und die Unsicherheit in der Bevölkerung sollten lange nicht mehr vergehen. War doch in den Nachtstunden auf der Innpromenade die französische Austauschstudentin Lucile K. ermordet worden. Das Beunruhigende: Ein überzeugendes Mordmotiv oder verwertbare Spuren waren für die Ermittler lange nicht greifbar. Aufgrund des Verschwindens von Handy und Tasche der 20-Jährigen ging das Landeskriminalamt (LKA) erst von einem Raubmord aus.

📽 Video | Prozess im "Mordfall Lucile"

Da Kufstein direkt an einer Transitroute liegt, dachten die LKA-Ermittler aber auch an einen Lkw-Fahrer und behielten ähnliche Vorfälle im Ausland im Auge. Tage nach dem Mord konnten Polizeitaucher zudem ein Stahlrohr am Grund des Inns sicherstellen, das sich als Tatwerkzeug herausstellte – eine Hubstange aus einem Lkw.

Der Mordfall Lucile beschäftigte die Ermittler über Jahre.
© zoom.tirol

Dann 2016 der Sexualmord an einer 27-jährigen Joggerin in Endingen (Baden-Württemberg). Der Fall wies für die Tiroler Ermittler Parallelen auf: Tat am Wochenende, Transit, Art der Begehung. Auch die deutschen Kollegen tappten vorab trotz 4200 Hinweisen völlig im Dunkeln. Auch hier waren die bruchstückhaften DNA-Funde nicht zuordenbar. Ein Anruf der Tiroler brachte dann das LKA und die Soko „Erle“ zusammen. Die Spuren der Deutschen konnten darauf mit männlicher DNA, dem Tatwerkzeug und 50.000 Maut-Datensätzen der Tiroler in Verbindung gebracht werden – ein kriminalistisches Meisterwerk grenzüberschreitender Zusammenarbeit begann.

Spurensuche nach der Tat am Inn.
© ZOOM-TIROL

Dabei wurden auch jeweils rechtliche Schranken überwunden. So durften die Deutschen laut Gesetzeslage zur Strafverfolgung nicht auf Mautdaten zurückgreifen – die Österreicher aber schon. Diese waren wiederum aber nicht zum Abgleich der DNA-Funde derart berechtigt gewesen.

Die Spur 4334 hatte es dann in sich und belegte über den DNA-Abgleich denselben Spurenverursacher in Kufstein und Endingen. Dazu war mittlerweile das Fabrikat des Lkw bekannt, aus dem das Rohr aus dem Inn stammen musste. In Abgleich mit den Mautdaten von Kufstein Süd und einem Aufruf an alle Frächter im Raum Freiburg erfolgte dann im Juni 2017 die Festnahme des Lkw-Fahrers. Eine DNA-Probe des Rumänen konnte von der Innsbrucker Gerichtsmedizin mit Spuren auf Luciles Kleidung und an einem Zigarettenstummel als übereinstimmend erklärt werden. Auch laut den Mautdaten dürfte sich der Lkw des Rumänen in einem Logistikzentrum von Kufstein befunden haben – 20 Gehminuten vom Tatort entfernt.

Der Mann auf der Anklagebank soll auch für den Tod der französischen Studentin Lucile in Kufstein verantwortlich sein. Er wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt - das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig.
© PATRICK SEEGER

Im Zuge der Einvernahmen zum Mordfall in Endingen soll der 43-jährige Angeklagte gegenüber einem Psychiater auch den Mord an Lucile zugegeben haben. Ein Gerichtssprecher: „Er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er die Tat begangen hat.“ Als offizielles Geständnis gilt das Gespräch freilich nicht – es gilt die Unschuldsvermutung. (fell)

Erst ein Mord in Deutschland führte die Ermittler zum Angeklagten

Kufstein. Die 20-jährige Austauschstudentin Lucile K. wird am 12. Jänner 2014 auf der Kufsteiner Innpromenade erschlagen. Als Motiv für den Mord kommt erst nur ein Raub in Frage. Schon Tage später gelingt es Tauchern, das Tatwerkzeug – ein Lkw-Rohr – aus dem Inn zu bergen. Im Verdacht stehen nun auch Lkw-Fahrer, Mautdatensätze werden erhoben.

Endingen. Die 27-jährige Joggerin Carolin G. wird am 6. November 2016 Opfer eines Sexualmordes. Die Soko „Erle“ sichert DNA und geht 4200 Hinweisen nach – über ein halbes Jahr ohne Ergebnis.

Ermittlerzusammenarbeit. Das Tiroler LKA und die Soko „Erle“ arbeiten zusammen und kommen über DNA und Datenaustausch auf die Spur eines bei Freiburg lebenden und im Juni 2017 verhafteten Lkw-Fahrers. Dessen DNA zeigt laut Innsbrucker Gerichtsmedizin Übereinstimmung mit der sichergestellten DNA in Kufstein. Für den Mord in Endingen erging über den 43-Jährigen rechtskräftig lebenslange Haft. Ein weiterer Strafausspruch ist nicht möglich.


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