Die Menschheit muss sich neu erfinden: Essay von Philipp Bloms

Philipp Bloms für die Salzburger Festspiele entstandener Essay „Das große Welttheater“ fordert neue Erzählungen für die Krisen der Gegenwart.

Philipp Blom, geboren 1970, in Hamburg, lebt und arbeitet in Wien. 2018 hielt er die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele.
© imago stock&people

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Die großen und kleinen Bühnen der Welt sind derzeit geschlossen. Das große Welttheater aber brummt. Die Stücke allerdings, die zwischen Wien und Washington, Peking, Pjöngjang und Ouagadougou gespielt werden, werden dem, was tatsächlich auf dem Spiel steht, nicht gerecht, weil die Fragen von heute mit Antworten von gestern angegangen werden. Das ist die zentrale These, die Philipp Blom in seinem neuen Buch „Das große Welttheater“ ungemein überzeugend ausführt.

Blom schrieb den Essay – der Untertitel lautet „Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs“ – im Auftrag der Salzburger Festspiele, die sich zum heurigen Hundertsten mit gewichtiger Gegenwartsanalyse in federleichten Formulierungen beschenken wollten. Als Blom seine Überlegungen zu Papier brachte, war Corona noch dunkles Zukunftsszenario in epidemiologischen Entwürfen. Doch die Pandemie und ihre bislang kaum seriös prognostizierbaren Folgen geben seinem Text eine beinahe ungeheuerliche Dringlichkeit. Vieles, was Blom – vornehmlich im Angesicht drohender Klimakatastrophen – beschreibt, wird auch im Umgang mit dem Virus sichtbar. Schließlich sei Corona wie die Klimakrise die Folge menschlicher Ausbreitungswut, erklärte Blom kürzlich der Wiener Zeitung. Zwei Symptome derselben Krankheit also. Und der – so Blom – ist nur durch eine grundlegende Veränderung beizukommen. Die westlichen Gesellschaften hätten sich in Systemen eingerichtet, die die derzeitigen Herausforderungen nicht nur befördert hätten, sondern auch ungeeignet seien, sie nachhaltig zu bewältigen. Die religiös grundierte Erzählung vom Menschen als Krone der Schöpfung zum Beispiel, der die Natur beherrscht und für seine Zwecke nutzbar macht, ist mehr als fragwürdig, wenn die Natur zum Gegenschlag ausholt. Und auch der neoliberale Glaube an dauerndes Wachstum als Garant für Glück und Wohlstand wird angesichts endlicher Ressourcen und Massenverelendung brüchig.

Die Herausforderungen sind neu, aber nicht unvergleichlich. Philipp Blom blickt zurück. Führt die großen narzisstischen Kränkungen der Menschheitsgeschichte an: Entdeckungen, die einst etablierte Erkenntnismodelle erschütterten: Galileo, Darwin, Freud. Und er illustriert die Schwierigkeiten der Menschheit mit dem Neuen am Beispiel der „kleinen Eiszeit“, der im 16. und 17. Jahrhundert zunächst mit mittelalterlichen Lösungsansätzen – etwa Hexenverbrennungen – beigekommen werden sollte, bevor sie die Aufklärung lostrat. Mit diesem Thema beschäftigte sich Philipp Blom bereits in seiner 2017 erschienenen Studie „Die Welt aus den Angeln“. Für „Das große Welttheater“ verdichtet er seine Erkenntnisse – und projiziert sie anschaulich in die Gegenwart: Die Erklärungen von einst greifen nicht mehr. Es muss um- und weitergedacht werden. Um der eigenen Ausrottung entgegenzuarbeiten, braucht die Welt belastbare Zukunftserzählungen und neue Figuren, die auf dem, was war, zwar aufbauen, aber konsequent weiterführen. So wie Friedrich Schiller einst Shakespeare und Calderon weiterdachte: Ist die Ordnung bei Shakespeare noch starr, die Tragödie unausweichlich, gibt es bei Schiller gut 200 Jahre später zwar die Tragik noch, aber eben auch Willen und Bereitschaft zur Rebellion gegen die herrschende Ordnung.

Bloms Welttheater findet tatsächlich zurück auf die Bühne. Auf die in Salzburg, die heuer Corona-bedingt in kleinerem Rahmen bespielt wird. Aber auch zurück in die anderen großen und kleineren Schauspielhäuser. Denn die seien Orte, „an denen Transformation fühlbar gemacht werden kann“, „Orte der gemeinschaftlichen Selbstergründung und Selbsterfindung“, kurzum: Orte, an denen das neue Menschenbild mit entsteht. Und das ist überlebenswichtig.

Essay Philipp Blom: Das große Welttheater. Zsolnay, 125 Seiten, 18,50 Euro.


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