Corona-Ausstellung in Bregenz: Orientierungslos im Hinterhof

Mit „Unvergessliche Zeit“ hält das Kunsthaus Bregenz in seiner Sonderausstellung die Corona-Zeit anhand von frischen Bildern und gut abgehangenen Vorahnungen fest.

Markus Schinwalds bearbeitete Biedermeier-Porträts entstanden schon in den Neunzigern; im KUB werden sie aktuell zu dunklen Vorahnungen.
© markus schinwald

Von Barbara Unterthurner

Bregenz – In der Corona-Zeit boomten sie, die aus dem Wohnzimmer gestreamten Konzerte, Online-Lesungen oder digitalen Ausflüge ins Museum. Wie aber erlebten die bildenden Künstlerinnen und Künstler den Lockdown? Man wähnte sie ruhig im Atelier arbeitend, Einblicke gab es kaum. Dass diese Zeit einen einzigartigen, künstlerischen Output hervorbrachte, zeigt Thomas D. Trummer, Direktor des Kunsthauses Bregenz (KUB), jetzt anhand exemplarischer Arbeiten von sieben Künstlerinnen und Künstlern in einer Sonderausstellung.

Das KUB ist damit die einzige Institution auf weiter Flur, die sich in dieser Intensität der Corona-Zeit widmet. Noch bis Ende August ist die Ausstellung „Unvergessliche Zeit“ in Bregenz zu sehen.

Wie vielfältig diese Phase erlebt wurde, kann das Publikum bereits im Erdgeschoß erahnen: Einerseits einsam und in ihrer Ästhetik schaurig anmutend wachsen dort die zarten Aquarelle von Annette Messager die rohe Betonwand des Kunsthauses hinauf. Noch ganz frisch scheint hier die Farbe der aquarellierten Schädel, die aus verschiedenfarbigen Klecksen herausblicken.

Mit sprühender Schwarmkreativität geht andererseits das von William Kentridge initiierte „The Center of the Less Good Idea“ gegen die Krise vor. Die im KUB erstmals als Film gezeigten „29 Long Minutes“ sind eigentlich eine Spontanaktion: Weil eine Veranstaltungsreihe des Kollektivs aufgrund von Corona abgesagt werden musste, erstellten die eingeladenen Kunstschaffenden digitale Versionen ihrer Darbietungen aus dem Lockdown. In die einminütigen Videos voll Performance und Tanz hat sich auch Stop-Motion-Filmmeister Kentridge eingeschlichen. Er selbst wird Teil seiner flimmernden Kohlezeichnungen. Teilweise orientierungslos huscht der südafrikanische Künstler dabei zwischen abstrakten Raumuntersuchungen und konkreten Szenen umher. Von Verzagen jedoch keine Spur.

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Eine gewisse Orientierungslosigkeit macht sich auch bei Turner-Preisträgerin Helen Cammock breit, die das gesamte zweite Geschoß mit ihrem Film „They Call It Idlewild“ einnimmt. Das Bekannte, die eigene Wohnung, der Hinterhof, der Blick vom Fenster aus in die Landschaft wird für Cammock zum Untersuchungsgegenstand. Auf ihren filmischen Streifzügen begleiten sie bange Fragen, die sie von Walter Benjamin oder Nina Simone beantworten lässt. Weniger orientierungslos als trotzig reagiert Künstler Rabih Mroué auf Corona. Es bleibt ungewiss: Zeigen die Kreidezeichnungen in „Chalk Outlines“ nun Leichen oder stellen sie den im verbarrikadierten Zuhause dahinvegetierenden Künstler dar? „Another day. I’m still in the same shit“, resigniert das Ich.

Konkreter geht es bei Marianna Simnett zu, die die Zeit für politische Überlegungen und eine spielerische Art des Erinnerns nutzt. In „Titos Dog“ schminkt sie sich von der Künstlerin zum Schäferhund des Diktators.

Als krassen Gegensatz lassen sich die Arbeiten von Ania Soliman und der Beitrag von Markus Schinwald sehen, der die Ausstellung abschließt. Absolut spontan, ohne Vorbereitung, reagiert Soliman seit März in gezeichneten Instagramposts auf die neue Normalität. Als analoge Postings (mit Kommentarfeldern) werden die Werke auch im KUB präsentiert. Schinwalds bearbeitete Biedermeier-Porträts, entstanden schon in den Neunzigern, sind dagegen absolut fokussiert, sie ahnen eine Welt der Masken, Prothesen, Einsamkeit und des Orientierungsverlusts bereits voraus.

Über Schwinwalds Prophezeiungen tastet sich das KUB an eine Art der Einordnung heran. Nicht alles ist spontan, manches doch vorhersehbar. Aber was wird bleiben? „Unvergessliche Zeiten“ ist Momentaufnahme und Experiment zugleich – deshalb besonders, weil Trummer das KUB damit als Ort definiert, der Leben und nicht Geschichte erzählen will. Trotzdem bleibt die Schau nur eine Perspektive von unzähligen.


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