Endlich dürfen auch die Kinder wieder zu Besuch kommen

Der starke Rückgang der an Covid-19 erkrankten Menschen bringt wieder etwas Normalität in den Alltag der Tiroler Altenheime.

Der Abstand muss gewahrt bleiben, aber zumindest dürfen die Großeltern in den Altenheimen ihre Enkel wieder persönlich sehen.
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Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck — Die Zeit der strengen Reglementierungen und Besuchs­termine ist vorbei: Nachdem sich die Situation beruhigt hat, können in den Tiroler Altenheimen Besucher wieder ohne Voranmeldung zu ihren Angehörigen kommen. „Unsere Bewohner freuen sich vor allem, endlich wieder ihr­e Enkelkinder sehen zu dürfen", sagt Robert Kaufmann, Obmann der ARGE Tiroler Altenheime und Leiter des Sozialzentrums 'sZenzi in Zirl. Das war bisher gar nicht möglich, Kinder durften auch nicht die Besuchsräume betreten, in denen sich die Bewohner mit ihren Familienmitgliedern während der vergangenen Wochen unter strengen Auflagen treffen konnten.

Kaufmann spricht von einer „fordernden Zeit, die hinter uns liegt", und einer deutlichen Entspannung auf dem Weg zu einer Normalisierung. „Das Organisieren der Besuche war umständlich, viele, die ihre Eltern sehen wollten, mussten abgewiesen werden." Zwar sollen sich Besucher beim Eingang weiterhin registrieren, sie dürfen ihre Angehörigen aber jetzt wieder in deren Zimmern besuchen. Die Maskenpflicht gilt nur noch bei einem Abstand unter eineinhalb Metern.

Appell gegen selektives Gesundheitswesen

Die Gemeinschaft Sant’Egidio begleitet in Tirol seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich älter­e Menschen in Altenheimen und zuhaus­e. Während der Corona-
Krise wurde der Kontakt weiter aufrechterhalten, aufgrund der Umstände war Kreativität gefragt: mit Briefen, Blumengeschenken und Anrufen gegen die Einsamkeit. „Diese Zeit hat uns nachdenklich gemacht. Sie hat viele Schwachstellen unseres gesellschaftlichen Umgangs miteinander zu Tage gebracht“, sagt Vera Merkel, Leiterin der Egidio-Gemeinschaft. „Wir sorgen uns besonders um den Wert des schwachen und alten Lebens.“

Anlässlich der Corona-Krise verfasste die Egidio-Gemeinschaft auch den internationalen Appell „Unsere Zukunft nicht ohne alte Menschen“ gegen ein selektives Gesundheitssystem, welches das Leben älterer Menschen als zweitrangig betrachte. Ihre größere Verletzlichkeit, das fortgeschrittene Alter und möglicherweise andere bestehende Erkrankungen sollen eine Form der Auswahl zugunsten Jüngerer und Gesünderer rechtfertigen, so die Sorge. Näheres: Sant'Egidio

Geöffnet wird ab morgen Montag auch das Tagescafé im 'sZenzi, ab Dienstag ist der Mittagstisch wieder für Auswärtige gedeckt. Rund 20 ältere Menschen, die vor Ausbruch des Corona­virus täglich zum Essen ins Heim gekommen waren, wurden in den vergangenen Wochen zuhause mit Essen auf Rädern versorgt. „Sie freuen sich schon sehr", sagt Kaufmann.

Nachdem es im März und April noch Fälle in den Heimen in Aldrans, Lienz, im Ober- und Unterland gegeben hatte — sowohl Pfleger als auch Bewohner waren betroffen —, fielen Quertestungen vor zwei Wochen durchwegs negativ aus, berichtet der Leiter der ARGE, der 92 Tiroler Heime angehören.

Was die derzeit noch geltenden Regelungen betrifft, sieht Kaufmann keine Probleme. „Viele haben die Hygienemaßnahmen schon verinnerlicht, desinfizieren sich automatisch die Hände und halten den Mindestabstand ein. Für die Mitarbeiter gilt weiterhin Maskenpflicht."

Ihre Familien nicht mehr sehen zu können, war für einige Heimbewohner in den vergangenen Wochen sehr belastend, sagt Martina Laner, Pflegedienstleiterin im Sozialzentrum Zirl. „Auch die Sache mit dem Mundschutz war ein Problem, die Kommunikation war sehr eingeschränkt. Viele Ältere hören schlecht. Um trotzdem verstehen zu können, was ihnen gesagt wird, lesen manche auch von den Lippen ab. Das ist mit den Masken natürlich nicht möglich."


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