Verein Arche Noah: „Die Artenvielfalt ist akut gefährdet“

Die Biodiversität auf den globalen Feldern ist laut UNO u. a. wegen der Industrialisierung der Landwirtschaft massiv zurückgegangen. In Tirol werden alte Landsorten in einer Genbank gesichert.

Biobauer Franz Glatzl (gr. Bild) baut in Haiming die in Tirol seltene Kulturpflanze Buchweizen an, die im August herrlich blüht.
© Glatzl

Von Brigitte Warenski

Innsbruck, Wien – Im Regierungsprogramm ist die Biodiversitätsstrategie festgelegt, noch fehlt der formelle Beschluss zur Einrichtung eines Biodiversitätsfonds.

Dagmar Urban vom Verein Arche Noah fordert, dass mit dem Geld „in ein österreichisches Kulturpflanzen-Monitoring investiert wird, um gefährdete Arten und Sorten zu identifizieren. So können konkrete Schritte zur Rettung der Kulturpflanzenvielfalt definiert werden.“ Agrarförderungen müssten künftig in Richtung „mehr Vielfalt umgeleitet werden, man darf nicht wie bisher hauptsächlich auf Erträge schauen. Vielfalt ist die Grundlage unseres Lebens und sie ist akut bedroht.“ Laut UNO-Weltgesundheitsorganisation ist die Viefalt auf den globalen Feldern seit 1900 um 75 Prozent zurückgegangen. Und es gibt auch besonders dramatische Beispiele. „Um 1900 wurden in Indien noch etwa 30.000 Reissorten angebaut. Heute sind es nur noch 12“, so Urban.

Die Familie Glatzl setzt auch auf die alten Maissorten Gelber Oberländer und Weißer Kemater.
© Glatzl

Wichtig sei vor allem die Bewahrung von widerstandsfähigen Kulturpflanzen, „die mit den Wetterextremen des Klimawandels gut zurechtkommen und Resistenzen gegen Schädlinge aufgebaut haben.“ Sehr viel Potenzial sieht Urban in alten Sorten, „dabei geht es darum, die Tradition mit den Herausforderungen von heute zusammenzubringen“. Eine Vorreiterrolle beim Monitoring alter Sorten spielt Tirol. Seit 98 Jahren unterhält das Land Tirol eine Genbank mit über 1000 Saatgutproben, über 70 Kartoffel-Landsorten und 400 regionalen Apfelsorten. „Ziel ist, alte Landsorten – also Sorten, die züchterisch nicht oder nur wenig behandelt wurden – aus den Bereichen Acker, Garten und Apfel zu sammeln, zu sichern und zu erhalten. Es werden aber auch Landsorten im Vergleich zu modernen Sorten beschrieben, es gibt Informationen zur Geschichte der Sorten und wir machen molekularbiologische Untersuchungen“, erklärt Christian Partl vom Land Tirol. Wie „gewaltig“ die genetische Biodiversität der Landsorten ist, zeige sich u. a, bei den Äpfeln. „Wir haben in Tirol 400 Apfelsorten.“ Geplant ist nun ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck, „um zu untersuchen, ob und wie alte Sorten auf Trocken- und Hitzestress, bedingt durch den Klimawandel, anders reagieren“.

Tomatenvielfalt des Vereins Arche Noah, der gefährdete Kulturpflanzen pflegt.
© Pessll

Ganz den alten Biosorten verschrieben hat sich die Familie Glatzl in Haiming. „Wir bauen z. B. Biobuchweizen als Zweitfrucht nach den Frühkartoffeln an. Und wir haben eine alte Maissorte, die kein Hybridmais ist“, so Gertrud Glatzl. Während es vor Jahren für Biobauern „extrem schwierig war, Biosaatgut zu bekommen, ist das heute kein Thema mehr“. Die Konsumenten danken es: „Die Nachfrage nach regionalen Bioprodukten ist riesengroß und hat mit Corona noch mehr zugenommen.“

Biodiversität

EU-Biodiversitätsstrategie: Sie wurde im Mai präsentiert. Zielsetzung ist u. a. die Stärkung der Biolandwirtschaft sowie biodiversitätsreicher Landschaftselemente und das Aufhalten des Verlusts an Bestäubern. Nun müssen die nationalen Strategien für 2021 bis 2030 erarbeitet werden.

Arche Noah: Der gemeinnützige Verein bewahrt und pflegt gefährdete Gemüse-, Obst- und Getreidesorten mit dem Ziel, diese traditionellen und seltenen Kulturgüter wieder in die Gärten und auf den Markt zu bringen. Arche Noah beherbergt derzeit eine der größten Kulturpflanzensammlungen (rund 5500 Sorten) Europas in unabhängiger privater Hand.

Petition: Diese Woche startete Arche Noah mit der Kampagne „Vielfalt säen, Gesundheit ernten“ eine Petition für biologische Vielfalt an die Bundesregierung. Die Petition kann unter www.gesundheit-ernten.at unterstützt werden.


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