Zuschauen beim Emanzipieren: So klingt das neue Album von Norah Jones

„Pick Me Up Off The Floor“ lautet der Titel des neuen Albums von Folkmusikerin Norah Jones. Eine solide Platte, die von Einsamkeit, Herzschmerz und Aufstehen singt.

Seit ihrem Debüt 2003 ein Superstar: Norah Jones veröffentlicht ihr inzwischen achtes Album.
© Russo/Universal Music

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Vor dem Album kommt das Manifest. Mit „I’m Alive“ meldet sich Popjazz­erin Norah Jones nicht nur mit neuer Musik, sondern auch als Musikerin zurück. Mit „She walks, she runs / She fights, almost as one / And finds her voice / She’ll march / She has no choice“ verfolgt Jones den Weg der Frauen vom Unterdrücktsein bis zum offenen Kampf – dem sich das „Ich“ schlussendlich anschließt. Alles innerhalb von 4:15 Minuten. Dabei würde sie die Vorabsingle zu ihrem am Wochenende erschienenen Album „Pick Me Off The Floor“ gar nicht als feministisches Manifest bezeichnen, so die 41-Jährige in einem Interview. Der Song sei vielmehr ein beobachtender, der Frauen beim Emanzipieren zusieht. Und sich wünscht, dass sich darin so viele Frauen wie möglich wiederfinden könnten, erklärt sie.

📽 Video | Norah Jones - I'm Alive:

Besser könnte die Sängerin wohl auch ihren Zugang zur Musik gar nicht beschreiben: als einen zusehenden, beobachtenden. Laut vorgeprescht ist die Musik der New York­erin noch nie. 2003 schlich sich ihr Debüt „Come Away With Me“ ruhig und beständig an die Spitze der Charts; ihr Piano-Folk war keine Barmusik, in der ersten Woche verkaufte sie über 300.000 Exemplare des Albums. Dieser leise Weg wurde bei den Grammys gleich mit sieben Auszeichnungen für die junge Musikerin belohnt.

Von diesem Weg ist Norah Jones bis heute nicht abgekommen, auch „Pick Me Off The Floor“ ist gekennzeichnet von jenen sanften Melodien und dem unverkennbaren Alt der Musikerin. In die Schublade Jazz – in die Norah Jones oft gesteckt wird – passt auch ihr nunmehr achtes Studioalbum nur bedingt; zu viel Pop ist der Piano-Sound dafür. Jones mag’s außerdem traditionsbewusst, huldigt in ihrer Musik dem Blues, Folk und Country. Wirklich Progressives dringt bei Norah Jones wahrlich kaum durch, sie, die Tochter des berühmten Sitar-Spielers Ravi Shankar, hat die Musik der USA im Blut.

Im bereits erwähnten „I’m Alive“, übrigens eine Zusammenarbeit mit Wilco-Frontmann Jeff Tweedy, der ihr auch im Video zur Seite steht, wimmern die Slide-Gitarren, ebenso im ruhigen „Stumble On My Way“. Und in „To Live“ drückt die dazuträllernde Terz ordentlich auf die Tränendrüse. Einzig „Were You Watching“ bricht aus dem Schema F aus. Dank Violine hat der eindringliche Fragebogen etwas fast Keltisches. Das Gros der Songs dürfte Fans aber erfreuen: Man findet erstmals nichts, was man an der musikalischen Rückbesinnung auszusetzen hat. Die 41-Jährige schafft es (wieder), am allzu Kitschigen vorbeizuschrammen.

Wie stilistisch ist Jones Musik auch thematisch dort am besten, wo sie sich wohlfühlt. „Menschen widerfahren Menschensachen“, meint Jones vorab zur Ausrichtung des Albums. Dass das Menschliche derzeit etwas düsterer ausfällt als sonst, dürfte nicht verwundern. Obwohl die Texte schon vor Corona entstanden sind, ist viel von Einsamkeit und neuer Normalität die Rede. „This life as we know it (...) is over“, ist das Mantra von „This Life“.

Ohne Corona wäre aber auch der Bonustrack „Tryin’ To Keep It Together“ zu den elf bereits vorhandenen Tracks nicht dazugekommen. Jones erzählt darin flüsternd, eindringlich von dem, was man auch als Mutter zweier Söhne eben macht, wenn alles vermeintlich Sichere zerbricht. Man versucht zusammenzuhalten, was man halten kann. Nichts mehr haltbar ist bei „Hurts To Be Alone“ oder „Heartbroken, Day After“. Darin gibt – man darf es vom Titel ablesen – Herzensleid den Ton an. Aber sogar der Schmerz hat bei Jones etwas Tröstendes.

Das Album entstand übrigens weitgehend ungeplant. Die Songs musste sie „nur vom Boden auflesen“, erklärt die Musikerin ihren Albumtitel. Da darf man ja gespannt sein, was da noch so rumliegt.

Pop/Blues/Folk Norah Jones. Pick Me Off The Floor. Blue Note.


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