Bachmann-Wettbewerb: Viel Gegacker ohne Gleichgewicht

Die hitzige Diskussion über Carolina Schuttis Text „Nadjeschda“ verlor sich am ersten Tag des Bachmann-Wettbewerbs auf der Metaebene.

Wegen Corona findet der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb heuer im digitalen Raum statt.
© APA

Von Joachim Leitner

Klagenfurt – Dass sich manch einer – absichtliches Maskulinum – auf Abwege wagt, wenn er anderen nicht reinreden darf, wurde hierzulande zuletzt intensiv, aber folgenlos diskutiert. Beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb, so wie man ihn bislang kannte, gehörte das Reinreden zum guten Ton. Zumindest, wenn die Jury am Wort war. Heuer ist bekanntlich vieles etwas anders – und Zwischenrufe sind in den virtuellen Videoschalten sowieso verpönt. Neo-Juror Philipp Tingler versuchte sich am Tag 1 der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur trotzdem als „Dazwischen­gackerer“. Was der Nachvollziehbarkeit der aufgefädelten Argumente für oder gegen die vorgetragenen Texte schadete, aber den Unterhaltungswert der Veranstaltung steigerte.

Überhaupt hat die räumliche Trennung Jurorinnen und (vor allem) Juroren bissiger gemacht. Schon beim ersten Text – Jasmin Ramadan präsentierte einen Auszug aus ihrem Romanprojekts „Ü“ – lieferten sich Tingler und Klaus Kastberger, in den Vorjahren Garant für eindeutige Meinungen, ein hitziges Wortgefecht. Tingler fand den Text, den er selbst zum Wettbewerb eingeladen hatte, wenig überraschend „famos“, Kastberger „simpel und mechanisch“. Das Gros der Jury – Vorsitzender Hubert Winkels, Michael Wiederstein, Brigitte Schwens-Harran und Insa Wilke – schlug sich auf die Seite Kastbergers, Nora Gomringer verteidigte Ramadan halbherzig. Auch das Echo auf Lisa Krusches Science-Fiction-Stück „Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere“ war geteilt, während Leonhard Hieronymis „Über uns, Luzifer“ mit scharfer Kritik in die Mittagspause des ersten Vorlesetages entlassen wurde.

📽 Video | Bachmann-Wettbewerb

Danach las, als erste österreichische Kandidatin, die Innsbruckerin Carolina Schutti. Für ihren Text „Nadjeschda“ wurde sie von Tingler und Kastberger in seltener Einstimmigkeit harsch kritisiert. Was nach verhaltenem Widerspruch – gelobt wurde die behutsame Art von Schuttis Vortrag – in eine von kurzem Bildaussetzer begleitete Grundsatzdiskussion mündete. Auch in dieser gab Philipp Tingler den Angreifer: Schuttis Text stehe für ein „veraltetes akademisches Literaturmodell“. Hubert Winkels ortete in der Attacke klischeebelastetes Ankämpfen gegen Konventionen, „die es nicht gibt“. Die Diskussion verlor sich auf der Metaebene. Schuttis Aussichten auf eine Auszeichnung am Sonntag scheinen gering.

Beschlossen wurde der erste der vier Klagenfurter Literaturtage vom Wiener Digital-Poeten Jörg Piringer. Und mit einem weiteren Novum: Erstmals kam ein Text zum Vortrag, der in einer Passage von einer Künstlichen Intelligenz verfertigt wurde. Die Reaktionen auf „kuzushi“ waren wohlwollend, wirkten allerdings auch etwas ermattet. Winkels lobte die Ambivalenz des Textes, Wilke vermisste die letzte Konsequenz, Kastberger mutmaßte, dass „kuzushi“ die Jury an anderen Tagen aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Was an einem Tag ohne Gleichgewicht ausfallen musste.

Heute um 10 Uhr geht das Wettlesen weiter. Zum Auftakt liest Helga Schubert. Die 80-Jährige ist die älteste Teilnehmerin der Preis-Geschichte. Und mit dem Wettbewerb bestens vertraut: Ende der 1980er-Jahre saß sie mehrfach in der Jury.


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