Alpenverein fordert mehr Mitsprache beim Tiroler Tourismus

Die Österreicher vertrauen dem Alpenverein wie keiner anderen Mitgliederorganisation. Den Rückenwind durch diesen Zuspruch will ÖAV-Präsident Ermacora nutzen, um beim Tiroler Tourismus mehr mitzureden.

Neben Bewirtschaftung der Hütten und Erhaltung der Wege gehören Aktionen zum Schutz der Natur – wie hier in den Stubaier Alpen – zu den Aufgaben des Alpenvereins.
© ÖAV

Von Matthias Christler

Innsbruck – Die Menschen wollen hinaus in die Natur und hinauf auf die Berge. Diesen Drang hat man zuletzt gespürt und bei vielen gut besetzten Alm-Terrassen in Tirol auch deutlich gesehen. Andreas Ermacora sieht darin auch einen der Gründe, warum die Österreicher dem Alpenverein, dessen Präsident er ist, einen so hohen Stellenwert einräumen. „Ich bin viel unterwegs und da höre ich, dass der Alpenverein der Fels in der Brandung ist. Und so eine stabile Größe wollen die Leute in unruhigen Zeiten.“

Im Juni ergab eine Umfrage der Austria Presse Agentur und des Markt-und Meinungsforschungsinstituts OGM, dass keiner anderen Mitgliederorganisation in Österreich so viel Vertrauen geschenkt wird wie dem Alpenverein. Ermacora erklärt sich diesen Zuspruch mit drei wesentlichen Faktoren: „Erstens macht der Alpenverein mit viel ehrenamtlicher Arbeit sehr viel für die Allgemeinheit, ohne an Gewinn zu denken. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.“ In Zahlen ausgedrückt heißt das: Die Ehrenamtlichen leisten laut dem Jahresbericht 2018 1,5 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr, das wären umgerechnet 184.000 Arbeitstage, 855 Vollbeschäftigte und mehr als 33 Millionen Euro Personalkosten.

Andreas Ermacora (Präsident Alpenverein): „Wir wollen uns in einem Prozess über die Ausrichtung des Tourismus aktiv beteiligen können.“
© Alpenverein/Freudenthaler

„Zweitens wird geschätzt, dass wir völlig neutral sind und man uns in keine politische Ecke stellen kann“, sagt der ehrenamtliche Präsident und leitet damit zu Punkt drei über: „Wenn wir unseren Satzungsauftrag, die Schönheit und Ursprünglichkeit der Alpen möglichst zu bewahren, in Gefahr sehen, treten wir schon vehement dagegen auf.“

Mit dem Rückenwind der Umfrage erhofft sich der Alpenverein, dass er gestärkt in zukünftige Gespräche geht – zum Beispiel wenn um die Ausrichtung des Tiroler Tourismus diskutiert wird. Der zuletzt und nach den Ischgl-Ereignissen vermehrt angesprochene „sanfte Tourismus“ werde vom Alpenverein bereits gelebt. Ermacora stellt jetzt erst recht frühere Aussagen wie von Seilbahner-Obmann Franz Hörl („Sanfter Tourismus bedeutet den sanften Tod für Tourismusregionen“) in Frage. „Damit kann ich gar nichts anfangen. Der nachhaltige Tourismus braucht Konzepte. Wir haben mit den Bergsteigerdörfern so ein Konzept entwickelt, bei dem man auch Tälern, denen es touristisch nicht so gut geht wie anderen, Touristen erfolgreich vermittelt.“

Diese Erfahrung will man auch einbringen, – wenn man nur dürfte. „Das haben wir der Politik auch angeboten. Wir fordern kein Entscheidungsrecht, aber dass wir zumindest in so einem Prozess über die Ausrichtung des Tourismus dabei sind und dass wir uns aktiv beteiligen können.“ Diesen Appell richtet er an die Tiroler Landespolitik.

Als Argument dafür dient nicht nur die Umfrage. Gerade was den Sommertourismus betreffe, so Ermacora, seien der Alpenverein und andere alpine Vereine ein wesentlicher Faktor. Wenn es diese nicht geben würde, „würde das Wandern im Tal stattfinden“, drückt es Ermacora drastisch aus. In Österreich werden 500 ÖAV-Hütten und 40.000 km Wege betreut. Wenn eine Sektion die Hütten nicht mehr betreuen würde, wären auch die Wege betroffen.

„Wir haben eine Art alpine Raumordnung, die besagt, das rund um die Hütte, die von einer Sektion betreut wird, diese Sektion auch die Wege erhalten muss. Aber wenn es keine Wege mehr gibt, kommt niemand mehr auf die Hütten. Und ohne Wege gehen die Leute querfeldein, zerstören die Wiesen, verlieren die Orientierung, stürzen ab – das würde einen Rattenschwanz nach sich ziehen.“

Vertrauen in Mitgliederorganisationen

Umfrage. Bei einer Anfang Juni durchgeführten Umfrage über das Vertrauen in Verbände und Mitgliederorganisationen in Österreich schnitt der Alpenverein am besten ab und erreichte die meisten Punkte. 1. Alpenverein 67 Punkte, 2. Naturfreunde 55 Pkt., 3. VKI 54 Pkt., 4. ÖAMTC 52 Pkt., 5. ARBÖ 48 Pkt. Weitere Auswahl: Österr. Fußballbund 15 Pkt., Lions Club 2 Pkt., Rotarier -4 Pkt., Gesellschaft Europapolitik -8 Pkt., Österr. Cartellverband -9 Pkt.

Berechnung. Der APA-OGM-Vertrauenssaldo berechnet sich aus der Differenz der prozentuellen Antwortverteilung „habe zu xy Vertrauen/kein Vertrauen/kenne ich nicht“. Wenn zum Beispiel 90 Prozent positiv gestimmt sind, 10 Prozent negativ, ergibt sich ein Vertrauenssaldo von 80 Punkten.

Ehrenamt. Der Zuspruch für Alpenverein und Co. wundert OGM-Chef Wolfgang Bachmayer wenig: „Weil ja ein großer Teil dieser Verbände Dachorganisationen von Vereinigungen in Sport, Freizeit, Natur, Umwelt und sozialen Anliegen ist mit einem großen Anteil ehrenamtlich Tätiger.“ Und das Schlusslicht? „Der ÖCV wird (bei eher geringer Bekanntheit) wahrscheinlich als kirchen- und parteinahe Organisation gesehen und vermutlich auch teilweise mit (schlagenden) Burschenschaften assoziiert.“

Sollte der Alpenverein mitreden und vielleicht sogar mitentscheiden können, würde man zwischen den Interessen der Bergsportler und denen der Naturschützer abwägen müssen. Diesen Spagat schaffe man jetzt schon gut, meint Ermacora. „Ich würde mich auch dagegen aussprechen, zu sagen, wir sind die Verhinderer. Wir sehen uns als Mitgestalter. Die Politik wird aber auch erkennen, dass sie die Bevölkerung gegen sich hat, wenn sie weiterhin große Erschließungen bewilligt.“

Und noch einen Appell hat Ermacora, dieses Mal an die Bundespolitik: Dass die Förderungen – zuletzt 3,6 Millionen Euro pro Jahr – für den Verein gesetzlich verankert werden. „Damit wir nicht alle paar Jahre, je nachdem welche Regierung am Ruder ist, nach Wien müssen, um Klinken zu putzen.“

Als Vertreter von derzeit etwa 600.000 Mitgliedern – Rekord in der 158-jährigen Geschichte – bekommt man allerdings auch Gegenwind zu spüren. Intern wurden kritische Stimmen laut, weil beim Tourenportal alpenvereinaktiv.com ein kostenpflichtiges Abo-Modell verankert wurde. Allen könne man es nie recht machen, so Ermacora. Das Portal habe in der Entwicklung viel Geld gekostet und koste immer noch. „Wir wollen keinen Gewinn herausschlagen“, stellt er klar.

Fehler zugeben musste eine Sektion in der Steiermark, als 2015 Fotos von einer geführten Alpenvereinsskitour mit 40 Teilnehmern bei erhöhter Lawinenwarnstufe aufgetaucht waren. So ein Verhalten fällt auf den ganzen Verein zurück.

Umso genauer schaut man derzeit darauf, dass auf den ÖAV-Hütten die Corona-Maßnahmen umgesetzt werden. Nur ein positiver Fall wäre laut Ermacora fatal. Man will vielmehr das Vertrauen in den Alpenverein auch in dieser Zeit rechtfertigen.


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