Bachmann-Wettbewerb: Hass ohne Gegenstand und Jubel über eine Plage

Symbolfoto: Eine Frau schaut sich den Live-Stream zum diesjährigen Bachmann-Wettbewerb an ihrem Laptop an.
© GEORG HOCHMUTH

Klagenfurt – Der Vormittag des dritten und letzten Lesetags der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur stand gestern im Zeichen österreichischer Stimmen: Mit Lydia Haider und der ehemaligen „Innsbruck liest“-Autorin Laura Freudenthaler gab es zwei sehr unterschiedliche Auftritte. Freudenthaler hat sich mit ihrem Text „Der heißeste Sommer“ für eine der Auszeichnungen, die heute vergeben werden, ins Spiel gebracht – Haiders „Der große Gruß“ stieß bei der Jury auf weit weniger Gegenliebe. Eingeladen wurde Haider von Nora Gomringer, die sich letztlich auch als Einzige für den Text aussprach. Mitjurorin Insa Wilke fühlte sich von Haiders im Stile eine Wut­rede in einem Wiener Beisl aufgezeichneten Vortrag an den Aktionismus von einst erinnert und fragte: „Meint der Text, dass das Ganze wiederholt werden muss? Eine Wiederbelebung, ohne dass etwas dazu kommt, hat für mich wenig Wirkung.“ Juryvorsitzender Hubert Winkels attestierte dem „Großen Gruß“ „vielfältige Probleme“ – und monierte, dass der im Text geäußerte Hass „keinen Gegenstand außer sich selber“ habe.

Philipp Tingler löste gleich – einmal mehr – eine Kontroverse aus. Er fragte die Autorin nach dem Anliegen ihres Textes. Die weigerte sich wacker, der Kritiker­runde ihre ureigenste Arbeit abzunehmen. Als performativen Schlussakt lieferte Haider – umringt von lautstarken Fans mit Transparenten – einen kaum verständlichen Schlussmonolog. „Der Text ist im eigenen Jubel untergegangen“, konstatierte Juror Klaus Kastberger.

📽 Video | Bachmannpreis: Publikum kann abstimmen

Laura Freudenthaler hingegen versetzte das Gros der Jury in Jubelstimmung. Insa Wilke lobte die Nüchternheit, mit der Freudenthaler beschreibt, wie Dinge außer Kontrolle geraten. Es geht um eine sich langsam entwickelnde Landplage. Klaus Kast­berger ortete den ersten Text, der an die Namensgeberin des Bachmann-Preises herankomme.

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Überraschend leise kritisierte Philipp Tingler das Fehlen einer narrativen Struktur. Auch Hubert Winkels ortete viele lose Fäden. Für Brigitt­e Schwens-Harrant, die die Autorin für den Bachmann-Preis nominiert hatte, ist der Text „ein Meisterwerk der Literatur“, sprich: ziemlich preisverdächtig. (APA, TT)


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