Erzählkraft aus der Welt des Übersinnlichen im Haller Kurhaus

Traurig, schön verträumte Welten: Michael Schöch in Hall.
© Malyshev

Hall – Für die Begegnung mit Engeln und Dämonen reichen 70 Klavierminuten. Michael Schöch hatte für seinen fortgeschrittenen Schumann-Zyklus und die Wiedereroberung des Live-Hörens nach der Corona-Pause am Sonntag für musik+ im Haller Kurhaus ein ebenso stimmiges wie raffiniertes Programm präsentiert: Robert Schumanns so genannte „Geistervariationen“, gerahmt von den „Gesängen der Frühe“ und der unter Lachen und Weinen von Schumanns Doppelnatur sprechenden „Humoreske“ op. 20.

Dazwischen zwei ebenso intime Gefühlswelten offenbarende Sonaten des auch übersinnlichen Eindrücken ausgesetzten Alexander Skrjabin, der, 16 Jahre jünger als Schumann, wie dieser bereits in seinen Vierzigerjahren starb. Er war dem Mystischen, Satanischen, Unheilvollen nahe, das besonders seine Klaviersonaten Nr. 6 und 9 („Schwarze Messe“) prägte. Während Schumann inmitten quälender Hörattacken und eines Selbstmordversuchs die Melodie für seine letzten Variationen von Engeln zu empfangen wähnte und dies – mit Ausbrüchen – zum Reinen, Schlichten führte, durfte sich Skrjabin wilder, unbeherrschter äußern. Im Gegensatz sich treffende Erfahrungen, ästhetisch an zwei Polen verankert.

Michael Schöch begegnete diesen nicht leicht zu begreifenden Bekenntnissen aus dem Innersten mit klarer, präziser Struktur, mit Erzählkraft ohne hochromantische Aufladung und dadurch tiefer greifend. Er widmete sich diesen traurigen, schönen, erschreckenden, verträumten Welten mit Analysen, die das Werk freilegten, ohne kalt zu werden. In den zugegebenen frühen Abegg-Variationen ließ er Schumann wunderbare Klangsinnlichkeit zuwachsen. (u.st.)


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