„Der Kaufmann-Otello“: Das Brüten und Lieben des Siegers

Antonio Pappano und Jonas Kaufmann präsentieren einen facettenreichen, psychologisch modernen „Otello“.

Jonas Kaufmann debütierte mit Verdis „Otello“ 2017 in London.
© Hohenberg

Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Otello“ ist dieser Tage, da Giuseppe Verdis vorletzte Oper bei Sony in einer generell selten gewordenen Studio-Neuproduktion herausgekommen ist, nur „Der Kaufmann-Otello“. Der Sänger mit dem speziellen Tenor hat sich, als er einst die Partie des Cassio sang, in die Titelroll­e verliebt, die seiner darstellerischen Potenz zwingend, sogar gefährlich Nahrung gibt. 2017 wagte sich Kaufmann in London unter Antonio Pappanos ebenso sicherer wie fordernder Leitung an seine „Otello“-Premiere, ein Jahr später folgte die Münchner Produktion, im Sommer 2019 die Aufnahm­e in Rom.

Pappano und Jonas Kaufmann machen die Einspielung aus. Der Dirigent führt, beide exzellent, Orchester und Chor der Accademia Nazionale di Santa Cecilia durch das Stück, mit faszinierendem Farb- und Detailreichtum, dramaturgisch beredt, stützend, erweiternd. Weil das Vokalensembl­e um Kaufmann meistens eher eindimensional bleibt, kommt dem wissenden, fühlenden, klangmalerisch in weitem dynamischen Spektrum agierenden Orchester besondere Aufmerksamkeit zu.

Pappano und Kaufmann sind sich einig in einem sinnlichen, affektreichen und psychologisch modernen „Otell­o“ – Leben und Spannung der Aufnahme. Kaufmann investiert seine Intensität und Gestaltungskraft, er kommt durch den Eingangssturm als Sieger über das osmanische Heer zurück, aber auch als Mann mit seinen unheilbaren Verletzungen und Unausgewogenheiten, von denen Desdemona nichts ahnt. Die dunkle Grundfärbung des Tenors ist Teil von Otellos Wesen, wie dessen rasche Wechsel zwischen Aggression und lyrischer Verliebtheit, sein verzweifeltes Brüten und Erkennen, die Ängste, das unbedachte Aufbrausen. Kaufmann präsentiert den Mann mit reichen Farben und Facetten. Der Gestaltung dieses Porträts lassen sich sogar gelegentliche stimmliche Grenzen und Einengungen unterordnen.

Federica Lombardi, als Desdemona debütierend, überzeugt mit der Jugend und Unbedarftheit der Figur, hat schöne Momente und manchmal schon irritierendes Vibrato, berührt aber kaum. Carlos Álvarez, als Jag­o in einer seiner Leibrollen, zeichnet den Finsterling wie gefordert kultiviert, aber nicht hintergründig dämonisch. Lipartit Avetisyan ist der Cassio mit hellem Jugendtenor, Virginie Verrez singt die Emilia, Carlo Bosi den Roderigo und Riccardo Fassi den Lodovico.

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