Akuter Handlungsbedarf: „Es braucht ein Förderpaket für Kinder und Jugendliche“

Tirols Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser wirft der Politik vor, während der Corona-Krise auf die Jüngsten vergessen zu haben.

Der Heimunterricht während des Lockdowns hat Kindern und Eltern einiges abverlangt.
© iStockphoto

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Milliarden-Pakete für die Wirtschaft, Millionen-Hilfen für die Kultur und zuletzt eine Sonderförderung für die Tiroler Wirte und Volksmusikanten in der Höhe von 200.000 Euro. „Die Corona-Krise hat leider gezeigt, dass Kinder und Jugendliche in der Politik nicht den Stellenwert einnehmen, den sie eigentlich einnehmen müssten“, macht die Tiroler Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser ihrem Ärger Luft. Anders könne sie es sich nicht erklären, dass während der Wochen des Lockdowns und auch danach Themen wie Kinderrechte politisch überhaupt keine Rolle gespielt hätten. Dabei habe gerade die Corona-Krise sehr deutlich aufgezeigt, dass genau in diesen Bereichen akuter Handlungsbedarf bestehe.

„Das Schulsystem war nicht auf den Heimunterricht vorbereitet – mit Ausnahme der Informatik-Schwerpunktschulen“, kritisiert Harasser. „Die Folge waren überfordert­e Eltern und Kinder, Familien am Rande der Belastbarkeit.“ Im Nachhinein werde jetzt allerdings so getan, als sei alles reibungslos gelaufen und die Schulen und Lehrer hätten die Krise gut bewältigt. „Ja, es gab in der Zeit engagierte Lehrpersonen. Es gab aber auch solche, die auf Tauchstatio­n gegangen sind“, sagt die Kinder- und Jugendanwältin.

Andere wiederum hätten den Eltern die Aufgabe übertragen, neuen Stoff zu unterrichten, obwohl das ausdrücklich nicht vorgesehen war. „Ich bin in dieser Zeit laufend in Kontakt mit dem Büro der Bildungslandesrätin und der Bildungsdirektion gestanden“, sagt Harasser. Eine erste Erleichterung habe schließlich der Digi-Scheck des Landes gebracht, der sozial benachteiligten Familien zumindest bei der Anschaffung der Computer-Hardware unter die Arm­e gegriffen hat.

"In Österreich fehlt der Mut zur Reform des Schulsystems"

„Die Eltern haben sich wahnsinnig bemüht. Ihnen ist in erster Linie zu danken – wie auch den engagierten Lehrpersonen“, sagt Harasser, die allerdings nicht daran glaubt, dass im Bildungsbereich die richtigen Lehren aus der Krise gezogen werden. „Es fehlt in Österreich der Mut zur Reform des Schulsystems. Es braucht mutige und umfassende Reformen, die auch bei den Schülern ankommen, und nicht nur in der Verwaltung“, betont sie. In der Ausbildung sollten Lehrpersonen deutlich mehr Praxisbezug erhalten.

„Es geht um das Bewusstsein, den Lehrerberuf als Berufung wahrzunehmen, und nicht als Job mit langen Ferien“, sagt Harasser. Nicht zuletzt sei eine Reform des Lehrerdienstrechtes notwendig, damit Lehrer, die Kinder systematisch schikanieren, endlich auch mit Konsequenzen rechnen müssen.

Doch nicht nur auf schulischer Ebene hat die Politik laut Kinder- und Jugendanwältin auf die Jüngsten vergessen, auch in anderen Bereichen sieht sie massiven Handlungsbedarf. „Es braucht dringend ein Förderpaket für Kinder und Jugendliche“, betont Harasser. Und zwar eines mit schnell wirksamen und unbürokratischen Maßnahmen gegen Kinder­armut, Jugendarbeitslosigkeit, ungleiche Bildungschancen und häusliche Gewalt.

In den vergangenen beiden Jahren hat sich der Trend zu steigenden Kontaktaufnahmen mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft Tirol fortgesetzt. 2018 waren es 4322 Kontakte, vergangenes Jahr 4836. Harasser führt das vor allem auf den wachsenden Bekanntheitsgrad der Anlaufstelle zurück sowie auf eine steigende Bereitschaft von Kindern und Jugendlichen, sich Hilfe zu holen – vertraulich, kostenlos, anonym und freiwillig.


Kommentieren


Schlagworte