Depeche Mode: Lustvolle Tanzstunden auch für älteres Publikum

Depeche Mode sind das Angehimmeltwerden seit Jahrzehnten gewohnt. Im Konzertfilm „Spirits in the Forest“ verbeugt sich die Band vor den Fans.

Ja, meine Herren! Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan genießt ehrfürchtig die Atmosphäre in der rappelvollen Waldbühne Berlin. Wir schreiben hier das Jahr 2018. Da war eine solche Menschenansammlung bei einem Konzert noch die natürlichste Sache der Welt.
© imago images/Prod.DB

Von Markus Schramek

Innsbruck –Depeche Mode. Das ist jene Band, für die man als Youngster der 80er-Jahre noch deutlich zu grün hinter den Ohren war. Was sollte dieser Synthie-Pop, die komischen Posen, die verklausulierten Messages, das triefende Pathos?

Doch über die Jahrzehnte erteilte die Band (bald schon mit dem Wiener Christian Eigner am Schlagzeug) Skeptikern eine Lektion nach der anderen. Wenn sich jemand den abgeschmackten Beinamen „Kultband“ verdient hat, dann dieses musikalische Gewerk englischen Ursprungs.

Die ganze Wahrheit liegt auf der Live-Bühne. Hier offenbart sich gnadenlos, wer im Unterhaltungsgeschäft bloß zufällig gelandet ist und wer es vermag, Menschenmassen zu elektrisieren. Depeche Mode gehören in die Top-Liga. In die Jahre gekommen ja, aber mit Stil. Vintage-Style. Was für ein Glück, dass Sänger und Rampensau Dave Gahan und sein introvertierter Gitarren-Sidekick Martin Gore ihre Irrungen und Wirrungen, Exzesse hart am Rande der Selbstzerstörung, hinter sich lassen konnten – lebend.

Auf leibhaftige Konzerte im vollbesetzten Stadion müssen wir noch ein ganzes Weilchen verzichten, irgendein nicht mehr ganz so neuartiges Virus mit „C“ hat hier etwas dagegen. Doch „Spirits in the Forest“, die Neuproduktion aus dem Hause Depeche Mode, ist in dieser Dürrephase ein aller Ehren wertes Substitut: Es kann uns glücklich machen, sogar über Stunden.

Ohne Rundum-Marketing läuft eben nichts

Stoff für ein knackiges Konzerterlebnis in den eigenen vier Wänden gibt es zuhauf. „Spirits in the Forest“ tischt im Set gleich vier Silberscheiben auf: zwei Filme auf DVD, dazu zwei CDs. Wir werden zu Zeugen, in Bild, Wort und Ton, wie die Brit-Band anno 2018 zweimal die Waldbühne Berlin in Ekstase versetzt.

Die beiden Audiotonträger vulgo CDs liefern den Soundtrack der Berliner Gigs. Die Gestaltung der beiden DVDs lag in den bewährten Händen von Regisseur Anton Corbijn, der Depeche Mode schon länger als Artdirector zur Seite steht. Ohne Rundum-Marketing läuft eben nichts.

Corbijn hat das Beste der beiden Berlin-Konzerte zu einer Live-DVD verdichtet („Live Spirits“ genannt). Das wahre Highlight aber ist die titelgebende DVD „Spirits in the Forest“: Sechs Fans, weltumspannend zwischen der Mongolei und Kolumbien angesiedelt, schildern in diesem bewegenden Film, wie die Musik von Depeche Mode sie ein Leben lang begleitet.

Zu befürchten wäre hier ein ausuferndes Anhimmeln von maßlos überhöhten Idolen, ein besserer Werbegag also. Aber nix da: Die Fangeschichten haben es in sich.

Wir begegnen Französin Carine, die nach einem Unfall das Gedächtnis verliert, ihre Familie nicht wiedererkennt, die Sprache neu erlernen muss, einzig Songfetzen von Depeche Mode glaubt sie schon gehört zu haben; oder Liz aus Los Angeles, die sich während ihrer Krebstherapie Musik von Depeche Mode wünscht; oder Dicken aus Kolumbien, der mit seinen Kindern Songs der Band covert und seinen Nachwuchs nach der Scheidung nur zweimal im Jahr sehen kann.

Sie alle sind beim Konzert in Berlin mit dabei. Die Kamera fängt sie ein, wie sie Zeile für Zeile mitsingen, glückselig.

Vintage Pop

Depeche Mode: Spirits in the Forest.

2 DVDs, 2 CDs. Columbia/Sony Music.

Regisseur Corbijn verzichtet auf Wortspenden der Musiker. Depeche Mode steuern ausschließlich Musik bei, ein „Best of“ aus 40 Jahren, ganz nach dem Gusto der Fans: „Personal Jesus“, „Enjoy the Silence“, „Never Let Me Down Again“ oder „Precious“ beispielsweise, somit unverwüstliches Songmaterial, zu dem es sich immer noch abtanzen lässt, einigermaßen unpeinlich, ja sogar lustvoll.

Während all der schweißtreibenden Arbeit gönnt sich Frontmann Dave Gahan, 58, unverhohlen ein Verschnaufpäuschen auf offener Bühne.

Doch was soll’s. Wir, seine auch nicht mehr ganz taufrischen Zuhörer, können ihm das nur allzu gut nachfühlen.


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