Britischen Stränden droht Schließung wegen Ansturms

In Großbritannien beginnen die Dämme gegen die Corona-Pandemie zu brechen: In Liverpool feierten tausende Fans am Donnerstagabend den ersten Meistertitel ihres Fußballklubs seit 30 Jahren, ohne sich um die Auflagen zu scheren. Zuvor hatten zehntausende Badegäste für Chaos an den Stränden in Südengland gesorgt. Gesundheitsminister Matt Hancock drohte am Freitag mit erneuten Strandschließungen.

Nach dem Titelgewinn des FC-Liverpool drängten tausende Fans des Kultvereins in die Straßen der nordwestenglischen Stadt, umarmten sich, zündeten Rauchbomben und Feuerwerkskörper. Autokorsos veranstalteten Hupkonzerte. Alle Vorsicht war vergessen, um die Abstandsregeln kümmerte sich in dem Moment niemand. Die feiernden Fans setzten sich auch über einen Appell des deutschen Liverpool-Trainers Jürgen Klopp hinweg. Er hatte den Meistertitel den Fans gewidmet, sie aber über den Sender Sky Sport gleichzeitig aufgefordert, daheimzubleiben oder allenfalls direkt vor ihren Häusern zu feiern.

In London musste die Polizei in der Nacht auf Freitag bei mehreren Straßenfesten einschreiten. Im Stadtteil Notting Hill wurden die Beamten mit Wurfgeschoßen attackiert. Sie berichteten von einer zunehmend aggressiven Stimmung. Demnach waren mindestens 22 Polizisten bei einem ähnlichen Einsatz am Vorabend im Stadtteil Brixton durch Flaschenwürfe verletzt worden.

Die seit Tagen anhaltende Hitze treibt die Briten zudem in Massen an die Strände, die Behörden berichten immer wieder von chaotischen Szenen. Im südenglischen Bournemouth mussten sie wegen massiver Überfüllung des Strands am Donnerstag hart durchgreifen. Sie sei „schockiert“ über das „unverantwortliche Verhalten so vieler Menschen“, sagte die Landrätin Vikki Slade.

Der Wetterdienst hatte am Donnerstag mit über 33 Grad den heißesten Tag des Jahres gemeldet. Tausende Menschen suchten Abkühlung am Meer - und sorgten damit für massive Staus in Strandnähe. Zahlreiche Menschen campierten illegal über Nacht, um sich die besten Plätze zu sichern. Die Behörden von Bournemouth berichteten zudem von Saufgelagen und Schlägereien. Innerhalb kürzester Zeit sammelten sich über 33 Tonnen Müll an. Vergeblich appellierte Landrätin Slade an die Sonnenhungrigen, den Strand nicht zu besuchen, da er einem solchen Ansturm nicht gewachsen sei. Schließlich riefen die Behörden einen „größeren Zwischenfall“ (major incident) aus, um zusätzliche Polizisten und Rettungskräfte anfordern zu können.

Die Regierung in London hatte am Dienstag umfassende Lockerungen der monatelangen Corona-Einschränkungen bekannt gegeben. Demnach ist es nun wieder erlaubt, an den Strand zu gehen. Restaurants, Pubs, Bars und Hotels dürfen am 4. Juli wieder öffnen. Allerdings sind die Menschen aufgerufen, sich weiterhin an die Abstandsregeln zu halten.

Das Land stecke immer noch in einer Gesundheitskrise, mahnte Gesundheitsberater Chris Whitty. „Halten wir uns nicht an die Abstandsregeln, werden die Infektionsfälle wieder steigen.“ Der Chef des britischen Polizeiverbands, John Apter, kritisierte die für Samstag kommender Woche geplante Öffnung der Lokale. Dies habe schon jetzt zu einer Art „Countdown für den Karneval“ geführt.

Mit über 43.000 Toten ist Großbritannien das am schwersten von der Pandemie betroffene Land in Europa. Am Donnerstag meldete das Gesundheitsministerium 149 neue Covid-19-Tote.


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