Nach Corona: Ein Stück Normalität durch Konsum

AK-Konsumentenforscherin Nina Tröger erzählt, was Konsum mit Freiheit zu tun hat und wieso viele ihr Einkaufsverhalten hinterfragen. Über Konsum zwischen Gastro-Gutschein und Rekord-Arbeitslosigkeit.

Zum vor dem Corona-Lockdown gewohnten Konsumverhalten können – und wollen – nicht alle Österreicher wieder zurückkehren.
© APA

Es gebe derzeit eine ausgesprochene Konsumzurückhaltung wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit, sagen Ökonomen. Zuvor haben die strengen Corona-Maßnahmen einen Konsum-Stillstand verursacht. Wie hat sich der Konsumalltag zuletzt verändert?

Nina Tröger: Es gibt Menschen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind und damit von sehr starken finanziellen Einschränkungen. Diese können sich keine Gedanken über Konsum machen. Dann gibt es das Bedürfnis, auf Konsumseite den Alltag wie vorher mit Gasthaus- und Fitnessstudio-Besuchen und Ähnlichem wiederherzustellen. Eine Rückkehr in die Normalität, die im Alltag mit einem gewissen Konsumniveau verbunden ist. Und es gibt eine dritte Gruppe, die gerade durch die Irritationen und die Krise, zum Nachdenken gekommen ist. Darüber, ob jedes Konsumgut notwendig ist, und dass man verstärkt regional einkauft.

Gleichzeitig gibt es in Österreich Rekord-Arbeitslosigkeit und Hunderttausende in Kurzarbeit. Viele Menschen sparen aus Sorge. Welche Rolle spielt Konsum für diese Gruppe?

Tröger: Alles, was diese Gruppe an finanziellem Einkommen hat, gibt sie aus, weil es notwendig ist, um Miete, Ernährung und Dinge des Alltags zu bestreiten. Die konsumieren, was geht, weil sie müssen. Sparen ist für sie schwierig.

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Nach der Lockdown-Phase wurde zu „kaufen, kaufen, kaufen“ aufgerufen. Dadurch werde die Wirtschaft angekurbelt und Arbeitsplätze gesichert. Kann Kauflaune einfach empfohlen werden?

Tröger: Wir leben in einer Konsumgesellschaft, die auch von einem Materialismus geprägt ist. Schon vor der Corona-Zeit war es erwünscht, dass gekauft und konsumiert wird, das war auch mit einem gesellschaftlichen Prestige verbunden. Dieser übergeordnete Rahmen ändert sich nicht so schnell. Jene, für die es leicht möglich ist, werden auf einem ähnlichen Niveau konsumieren wie vorher. Konsum ist auch mit Freiheit verbunden, und die wird wiederherzustellen versucht.

Von der Politik wird die „Kaufen“-Devise durch Gastro-Gutscheine und Einmalzahlungen unterstützt. Kurbeln diese Maßnahmen den Konsum wirklich an?

Tröger: Die Gastro-Gutscheine wurden auf diversen Plattformen weiterverkauft. Deshalb kann man mutmaßen, dass die Menschen dringender Bargeld brauchen. Und natürlich ist eine generelle Unsicherheit durch die hohe Zahl an Kurzarbeitern vorhanden, wie es in ein paar Monaten weitergeht – wo es möglich ist, wird wahrscheinlich für noch schlechtere Zeiten gespart werden. Statt wie früher etwa das neueste Handy oder den neuesten Fernseher zu kaufen, macht man sich Gedanken, ob das notwendig ist.

Viele wollen aus Solidarität konsumieren. Was braucht es, damit der Umsatz nicht bei US-Online-Händlern, sondern im regionalen Handel landet?

Tröger: In der Krise hat sich in kurzer Zeit sehr viel getan, österreichische Online-Plattformen sind stärker geworden und man konnte sich über regionale Händler informieren. Die Zahlen zeigen, dass das angenommen worden ist, wenn auch im Vergleich zu den großen globalen Anbietern von einem niedrigen Ausgangsniveau. Wichtig ist, Transparenz herzustellen, um Vertrauen zu schaffen. Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen sich sicher sein, dass Kriterien abseits vom Preis vertrauenswürdig sind. Es geht um gute Produktions- und Arbeitsbedingungen sowie ökologische Bedingungen. Und mit gutem Service können sich österreichische Unternehmen von globalen Ketten absetzen. Wenn es Probleme gibt oder etwas repariert werden muss, braucht es einen Ansprechpartner.

Ist dieser Trend zum regionalen Online-Handel nachhaltig?

Tröger: Die Lieferung von Lebensmitteln ist vor Corona überhaupt nicht angenommen worden, da hat es einen Schub gegeben. Auch regionale Obst- und Gemüsekisten, die zur Haustür geliefert werden, haben einen sehr starken Zulauf gehabt. Wenn das gut funktioniert, und die Leute mit dem Produkt zufrieden sind, hat das einen positiven Effekt.

In Krisenzeiten wirkt Konsum stabilisierend, wird betont. Wissen Konsumenten, welche Macht sie durch ihr Kaufverhalten haben?

Tröger: Ich sehe die Verantwortung bei der Politik, die einen Rahmen für Arbeitsplätze und die Wirtschaft setzen muss. Man darf nicht vergessen, wir haben trotzdem noch eine Klimakrise. Es stellt sich die Frage, ob das vorherige Niveau ökologisch und gesellschaftlich erstrebenswert ist. Aus Befragungen weiß man, dass z. B. eine Vielzahl an Kleidungsstücken jährlich gekauft, aber nie getragen wird. Man muss sich fragen, unter welchen Bedingungen diese produziert werden, und das gesamte System und unsere Konsumgesellschaft reflektieren. Dazu wäre jetzt die Zeit.

Das Interview führte Cornelia Ritzer


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