Zu früh verblüht: Tiroler Frauen und Schwerstarbeiten im 20. Jahrhundert

Sie waren Bötinnen, Wäscherinnen oder Wurzelgraberinnen: Ein Buch beschreibt, welche Schwerstarbeit Tiroler Frauen noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts leisten mussten.

Filomena Fankhauser (1875 bis 1943) war die letzte Tuxer Bötin (li.). Das Bild der Heuträgerin wurde in Zams aufgenommen.
© Gemeindearchiv Tux

Von Irene Rapp

Innsbruck – Home-Office, Home-Schooling, Haushalt: Tirols Frauen haben in den vergangenen Wochen viel unter einen Hut bringen müssen. Von Doppel- und Dreifachbelastung waren aber auch ihre weiblichen Vorfahren betroffen – und das bei schwerster körperlicher Arbeit, die den Frauen alles abverlangte. So manches Leben wurde dadurch verkürzt, so manche Frau starb bei der Arbeit – etwa Bötinnen durch Absturz im steilen Gelände.

Einige dieser Vergessenen hat der Innsbrucker Geograf Georg Jäger sogar noch persönlich kennen gelernt. Sellrain, wo er aufgewachsen ist, war nämlich für seine Stadtwäscherinnen bekannt. „Bis Mitte der 70er-Jahre haben die Frauen aus dem Dorf die Wäsche für Gasthäuser und Privathaushalte in Innsbruck gewaschen. Meine Großmutter wiederum war eine Bergheuerin. Sie hat steile Bergmähder bewirtschaftet, um Futter für die Tiere für die Winterzeit zu gewinnen“, erzählt er.

Doch nicht nur im Sellraintal, im ganzen Land mussten Mädchen und Frauen ums Überleben kämpfen. Im Zillertal etwa versorgten die Bötinnen und Kraxenträgerinnen abgelegene Höfe und Orte mit dringend benötigten Waren. „Die sind in der Nacht losgezogen, um ehestmöglich wieder bei den daheim wartenden Kindern zu sein“, so Jäger.

Die Sellrainer Wäscherinnen (2, 3) machten Wäsche der Innsbrucker Stadtbevölkerung sauber, dafür wurden Lastenaufzüge im Ort aufgestellt.
© Bildarchiv G. Jäger

In anderen Landesteilen – etwa am Arlberg – gruben Frauen nach Enzianwurzeln, um daraus Schnaps brennen zu können. Aus Osttirol ist bekannt, dass Frauen und Mädchen als Jäterinnen in den Oberpinzgau nach Salzburg gingen. Doch: „Dort wurden sie vielfach ausgenutzt und kehrten dann oft von den Großbauern geschwängert nach Hause zurück.“

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Im vorderen Paznauntal wiederum konnte man oft Frauen begegnen, die eine schwere Last am Rücken trugen und gleichzeitig beim Gehen strickten. Mit der Herstellung von Socken, Strümpfen und Fäustlingen versuchten sie, sich ein paar Gulden zusätzlich zu verdienen.

Viele dieser Schicksale hat Jäger in seinem neuen Buch „Vergessene Zeugen des Alpenraums: Frauen und Mädchen bei der Arbeit“ (erschienen im Kral-Verlag) angeführt. Heimat-Chroniken wurden dafür ebenso durchforstet wie altes Foto-Material. Die Schwarz-Weiß-Bilder in dem 335-Seiten-Werk zeigen Frauen zwischen 1850 und 1950, denen man den Lebenskampf ansieht. „Staatliche Unterstützung, so wie heute, gab es ja keine“, sagt Jäger.

Dieser Kampf blieb auch nicht ohne Folgen. So schrieb etwa der Topograf Johann Jakob Staffler (gestorben 1868) über die Frauen im Tuxertal: „Auffallend ist das frühe Verblühen des weiblichen Geschlechtes. Mit 30 Jahren schon geht es schnell abwärts, und das Aussehen gibt dann meistens um 10 Jahre mehr als das Taufbuch. Schwere und viele Arbeit und darum vieles Schlafbrechen sind die feindlichen Ursachen, welche so zerstörend wirken.“

Dass solcher Druck entladen werden musste, lag auf der Hand. „Ich habe mich gefragt, was war der Ausweg, um das zu bewältigen“, sagt Jäger. In den Unterlagen fand er die Antwort: Eine große Rolle spielten für viele Frauen Alkohol, Tanz und Gesang. „Die Sellrainer Stadtwäscherinnen etwa waren sehr dem Schnaps zugetan“, erzählt Jäger.

Und hier schließt sich für den Geografen die Gegenwart nahtlos an. „Alkohol gilt ja heutzutage auch als Volksdroge Nummer 1.“


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