Zeitenwende im Gesundheitswesen: Chancen für ein besseres Miteinander

Visionen für ein erneuertes Gesundheitswesen nach Corona liegen schon vor: Ein Sammelband gibt Ausblicke.

Leeres Schulgebäude im oberösterreichischen Sattledt. Die Auswirkungen der Pandemie auf alle Bereiche des Zusammenlebens sind immens.
© APA

Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Nach einer kurzen (gefühlten) Entspannung in den letzten Wochen hat das Coronavirus unser aller Leben wieder sehr fest im Griff – von vorbei kann keine Rede sein und das wird auch noch länger so bleiben. Doch die herausfordernde Gegenwart mit neuen regionalen Ausbrüchen ist nur ein Puzzlestein im großen Ganzen. Seit März ist so viel passiert, dass Experten aus dem Gesundheitsbereich – und zwar nicht nur Virologen – parallel längst an einer Vision für die Zukunft tüfteln. Wie kann Corona als Chance für eine Zeitenwende im Gesundheitswesen genützt werden? Dieser Frage gehen 37 Fachleute in einem frisch publizierten Sammelband nach, den der Allgemeinmediziner und Public-Health-Spezialist Martin Sprenger und der Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist Martin Rümmele herausgegeben haben.

37 Fachleute skizzieren in dem Sammelband ihre Visionen für ein neues Gesundheitswesen. Es soll Mut machen, ausgetretene Wege zu verlassen und das komplexe System neu zu denken und zu gestalten. Dafür braucht es einen breiten Diskurs und transparente Diskussion. / 182 Seiten, Hardcover, 24,90 Euro.
© Ampuls Verlag

Sprenger wurde einer breiten Öffentlichkeit bekannt, als er nach seinem Ausscheiden aus dem Beraterstab der Bundesregierung in der Anfangszeit der Corona-Krise Kritik an der Angstrhetorik und den strengen Maßnahmen übte. In seinem Buchbeitrag betont er unter anderem die Wichtigkeit einer guten Abstimmung aller handelnden Akteure auf Bundes-, Länder- und Bezirksebene – gerade hier wurden ja Mängel sichtbar. Ein solches Credo ist immer eine Frage der Ressourcen, die es zu sichern gilt. Sprenger wird auch nicht müde zu betonen, wie wichtig Transparenz sowie eine begleitende Evaluierung aller Maßnahmen im Lernprozess ist.

Rümmele, erfahrener Gesundheitsjournalist, bringt es mit einer Redensart auf den Punkt: „Wo keine Evidenz, da greift die Eminenz“ – soll heißen, bei fehlender Datenlage verlässt man sich auf die Aussage einzelner Personen, die ihre eigenen Ansichten und Präferenzen vertreten. Dabei sei es wichtig, das große Ganze im Auge zu behalten, ein Kernanliegen des Public-Health-Bereiches.

Leicht lesbare Nebenbei-Lektüre ist der Sammelband nicht, dafür ist das Gesundheitswesen mit seinen vielen Playern zu komplex. Aber: „Gerade wegen der Komplexität des Themas ist die Auseinandersetzung auch für Laien interessant, weil es letztendlich alle betrifft. Und es gibt Anhaltspunkte, was richtig und was falsch läuft und man kann Dinge besser einordnen“, meint Herausgeber Rümmele. Als wesentlichen Punkt, der sich von der Corona-Krise auf das Gesundheitssystem allgemein übertragen lässt, nennt er das Wechselspiel zwischen Individual- und Gemeinschaftsinteressen. „Die Corona-Pandemie zeigt uns, dass derartige Herausforderungen nicht individuell, sondern nur gemeinsam lösbar sind und dass individuelle Entscheidungen – halte ich Abstand, betreibe ich gute Handhygiene etc. – Auswirkungen auf alle haben.“ Egoismus rächt sich also früher oder später.

Schon vor der Corona-Krise gab es in vielen Bereichen des Systems Reformbedarf, etwa im Bereich der Pflege, dem ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Die Erfahrungen aus der Krise könnten – so die Hoffnung der Herausgeber – dazu führen, dass hier eine echte Weiterentwicklung möglich ist und die Schwächen angegangen werden. Ebenfalls ausgeleuchtet werden die Bereiche E-Health und Telemedizin oder der Zusammenhang zwischen Armut und sozialer Ungleichheit, dem Martin Schenk (Diakonie) von der Armutskonferenz nachgeht.

Rümmeles Fazit nach intensiver Beschäftigung mit dem Komplex Lehren aus Corona: „Wir müssen unser System so gut ausstatten und organisieren, dass es für die breite Masse verfügbar ist.“


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