Innsbrucker Epidemiologe: "Vom Händeschütteln sollte man sich verabschieden"

Der Innsbrucker Epidemiologe Peter Willeit regt eine zweite Ischgl-Studie an, um festzustellen, wie lange Antikörper halten. Um das Virus einzudämmen, brauche es Genesene und eine Impfung.

Die Sterberate in Ischgl lag bei 0,25 Prozent. Österreichweit wird sie zwischen 0,2 und 1,2 Prozent angesiedelt.
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In Ischgl hat sich herausgestellt, dass sechsmal mehr Erwachsene und zehnmal mehr Kinder mit Corona infiziert waren als offiziell angenommen. 85 Prozent haben gar nicht gemerkt, dass sie krank waren. Wurde die Gefährlichkeit des Virus überschätzt?

Peter Willeit: Nein, wurde sie nicht. Es zeigt sich vielmehr, wie unterschiedlich die Verläufe der Infektion mit dem Coronavirus sind. Dass es auch milde Verläufe gibt, ist prinzipiell erfreulich, erschwert aber auch die Kontrolle der Ausbreitung, da diese Personen eben oft nicht als Corona-Fälle identifiziert werden.

Auch bei der Mortalitätsrate scheiden sich die Geister, die wird sogar innerhalb der Länder unterschiedlich angegeben. In Österreich reicht die Bandbreite von 0,2 bis 1,2 Prozent.

Zur Person: Peter Willeit leitet an der Medizinischen Universität Innsbruck eine Arbeitsgruppe für klinische Epidemiologie. Zuvor war der Tiroler acht Jahre an der Universität Cambridge tätig, wo er sich auf die Umsetzung epidemiologischer Studien und die Prävention von Erkrankungen spezialisierte.
© Thomas Boehm / TT

Willeit: In Ischgl gab es zwei Todesopfer, die an Covid-19 gestorben sind. Die Sterblichkeitsrate unter allen Infizierten betrug somit 0,25 Prozent. Allerdings gibt es hier aufgrund der wenigen Fälle eine statistische Unsicherheit mit einer Schwankungsbreite bis über 0,9 Prozent.

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Wie sinnvoll ist es überhaupt, Mortalitätsraten zwischen den Ländern zu vergleichen? Würden Sie meinen, dass das weniger Rückschlüsse auf die Gefährlichkeit des Virus, aber mehr auf den Zustand des Gesundheitssystems des jeweiligen Landes zulässt?

Willeit: Natürlich bietet ein gut ausgebautes Gesundheitssystem einen gewissen Schutz, auch was die Sterblichkeitsrate anbelangt. Kämen wir aber in eine Situation, wo viele, viele Tausend infiziert werden, wäre dies trotzdem mit einer hohen Zahl an Todesopfern verbunden.

Neben der Mortalitätsrate wird auch über die Gefährlichkeit diskutiert. Wie ordnen Sie diese unter Berücksichtigung der Dunkelziffer ein?

Willeit: Aus meiner Sicht, ist es besonders interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Verläufe sind. Es gibt da eine Altersabhängigkeit, aber es gibt auch viele andere Einflussfaktoren. Das Problem aus epidemiologischer Sicht ist, dass es eben einen sehr hohen Anteil in der Bevölkerung gibt, der keine oder kaum Symptome zeigt, aber einen Beitrag zur Verbreitung des Virus leistet.

Aber man hat auch herausgefunden, dass der, der kaum Symptome hatte oder hat, kein Super-Spreader, ist. Würden Sie das auch so sehen?

Willeit: Es gibt Indizien, dass die Viruslast, die abgegeben wird, vom Schweregrad der Krankheit abhängt. So hat eine chinesische Studie gezeigt, dass Personen mit milden oder keinen Symptomen zwar weniger ansteckend sind, aber dadurch, dass es viele sind, der relative Beitrag zur Verbreitung ein hoher ist.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Verbreitung von Viren. Wieso hat man denn bei anderen Epidemien wie der Vogel- oder der Schweinegrippe keine so drastischen Maßnahmen ergriffen?

Willeit: Die Corona-Infektion hat sich zu einer Pandemie entwickelt. Deshalb waren drastische Maßnahmen notwendig. Zudem gibt es derzeit noch keine Impfung gegen das Coronavirus.

Wie viele Menschen müssten sich denn impfen lassen, damit die Eindämmung funktioniert?

Willeit: Die Berechnungen dazu sind theoretisch. Bei einer Reproduktionszahl von 3 bräuchte man eine Herdenimmunität von 66 Prozent. Diese könnte durch eine Impfung und dadurch erreicht werden, dass viele die Krankheit durchlebt haben. Je größer die Herdenimmunität, desto sicherer ist die Eindämmung.

Bei den Antikörpern kann es sein, dass sie relativ rasch wieder verschwinden, vor allem wenn man kaum oder keine Symptome hatte. Heißt das, Sie werden in Ischgl noch einmal eine Studie machen, um das zu überprüfen?

Willeit: Es ist derzeit unklar, wie lange die Antikörper nach durchgemachter Infektion vorhanden sind. Hier braucht es weitere Untersuchungen. Ischgl würde sich aufgrund der Größe der Studie, sehr gut eignen. Fast 80 Prozent der Ischgle­r Bevölkerung haben die Studie mitgemacht, das ist im Vergleich zu anderen Studien viel und somit eine besondere Stärke der Untersuchung.

Im Herbst werden wir sicher noch keine Impfung haben. Was ist denn Ihr Rezept zur Eindämmung des Virus, das im Herbst sicher wieder stärker auftreten wird?

Willeit: Die Hygienemaßnahmen müsste möglichst jede und jeder einhalten. Ich weiß, dass das sehr ungewohnt ist, aber vom Händeschütteln sollte man Abstand nehmen.

Am besten für immer?

Willeit: Ich mache es nicht mehr, auch wenn es mir schwerfällt. Es zeigen ja auch alle Verständnis.

Glauben Sie, es kommt die vielfach bereits angedrohte zweite Welle?

Willeit: Es ist schwer zu sagen, wie sich die Zahlen entwickeln werden. Wir haben viel dazugelernt und die Abläufe optimiert. Es wird sicher zu lokalen Ausbrüchen kommen. Das ist einfach so während einer Pandemie. Wichtig ist das Contact-Tracing, also rasch herauszufinden, mit wem ein Infizierter Kontakt hatte.

Das machen wir in Österreich ziemlich genau, aber andere Nationen wie beispielsweise Großbritannien weniger.

Willeit: Man kann sagen, dass es wichtig wäre, die Teststrategien der Länder, die nachhinken, zu optimieren.

Wann wird denn die Weltgesundheitsorganisation das Ende der Pandemie ausrufen? Welche Kriterien müssen da erfüllt sein?

Willeit: Die Klassifizierung als Pandemie wird noch einige Zeit bleiben, weil es beispielsweise in südamerikanischen Ländern sehr hohe Zahlen gibt und schlechtere Voraussetzungen, das Virus einzudämmen.

Halten Sie es für wichtig oder unwichtig, ob die WHO die Seuche als Epidemie oder Pandemie einstuft?

Willeit: Die Einstufung ist wichtig, weil bei einer Pandemie in wirklich allen Ländern die Alarmglocken geläutet haben. Die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit wird angekurbelt. Der Informationsaustausch ist äußerst wichtig. Der Druck ist hoch, weil die Zeit drängt.

Würden Sie sich impfen lassen, mit einem Impfstoff, der auf die Schnelle entwickelt wird?

Willeit: Prinzipiell lasse ich mich schon gegen alles, was es so gibt, impfen. Das ist jedem selbst überlassen.

Das Gespräch führte Anita Heubacher


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