Aufmerksamkeit um jeden Preis: TikTok in der Kritik

Das soziale Netzwerk TikTok hat rund 800 Millionen Nutzer. Unnötige Aktionen wie die „Kulikitaka-Challenge“, bei der Kühe erschreckt werden, sorgen für negative Schlagzeilen.

Symbolfoto
© AFP

Von Manuel Lutz

Innsbruck – Bis zu einer Minute bleibt Zeit, sich wie ein Star zu fühlen. Die Art des Auftritts ist egal. Eine kleine Tanzeinlage, nur etwas Karaoke, eine kurze Botschaft oder doch ein waghalsiges Unterfangen sind beliebte Optionen für die Videosequenz. Mit den richtigen Hashtags – Schlagwörter, um Inhalte zu bestimmten Themen im Netz zu verknüpfen – kann im Nu eine große Reichweite erzielt werden. Im Idealfall wird damit sogar viel Geld lukriert. Die Verbreitung der Clips erfolgt auf TikTok – einem sozialen Netzwerk.

Was für so manchen wie völlige Zeitverschwendung klingt, begeistert weltweit rund 800 Millionen Menschen. Vor allem jüngere Personen. „TikTok bringt alles mit, was Jugendlichen wichtig ist. Man kann sich digital präsentieren, z. B. durch Musikvideos. Jeder kann sich so wie ein Star fühlen. Die Challenges sind Herausforderungen“, erklärt der Projektleiter von Saferinternet.at Matthias Jax.

Durchbruch vor zwei Jahren

Hinter TikTok steckt die Firma ByteDance, die bereits 2016 unter dem Namen „Douyin“ die Lipsync-App in China startete. Der richtige Durchbruch gelang dem Videoportal aber erst vor zwei Jahren, als der Zusammenschluss mit der Plattform musical.ly erfolgte. „Die Plattform musical.ly war hierzulande auch schon länger ein Begriff. Die Idee dahinter war, dass die User Choreografien tanzten und Karaoke singen konnten. Obwohl die Altersbeschränkung bei 13 Jahren lag, war die App vor allem bei jungen Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren populär“, kennt Jax die Geschichte.

Die deutschen Zwillinge Lisa und Lena Mantler gelten als die ersten Stars des Netzwerks. Bereits 2015 teilten sie die ersten Videos. Vor drei Jahren hatten die damals 15-Jährigen schon mehr als zehn Millionen Follower. „Bekannte Persönlichkeiten wie z. B. Brad Pitt spielen eher keine Rolle. Die jungen Menschen haben ganz unterschiedliche Vorbilder. Kleine Stars, die vielleicht 100.000 Follower haben, sind gefragt“, so Jax.

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Mittlerweile ist TikTok aber nicht mehr nur etwas für das Kinderzimmer, auch bei Erwachsenen wurde das soziale Netzwerk populärer. „Früher war die Unterhaltung passiv vor dem Fernseher. Da haben die Leute oft Talkshows geschaut oder sich über Hoppala-Videos amüsiert. Heute unterhalten sich die Menschen auf TikTok“, beobachtet Jax.

Es ist wichtig, dass die Kinder aufgeklärt werden

Was eigentlich harmlos klingt, ist einer der vielen Kritikpunkte an dem sozialen Netzwerk. Denn so geraten freizügige Videos junger Nutzer auch in falsche Hände. „Popstars ziehen sich bei Auftritten oft möglichst wenig an. Die Kinder sehen das und eifern dementsprechend nach. Es ist wichtig, dass die Kinder aufgeklärt werden. Die Inhalte, die einmal oben sind, bleiben für immer oben. Zudem können Screenshots oder sogar Videos davon gemacht werden“, warnt der Experte.

Die ,Kulikitaka-Challenge‘ war noch eine der harmlosen TikTok-Challenges.
Matthias Jax 
(Projektleiter Saferinternet.at)

Für noch viel mehr Ärger bei der breiten Bevölkerung sorgen die unterschiedlichsten Trends wie etwa die „Kulikitaka-Challenge“. Dabei versuchen Leute, Kühe durch das Wedeln mit den Händen zu erschrecken. Unterlegt wird das Ganze mit einem Song namens „Kulikitaka“. In den vergangen Tagen gab es deshalb heftige Kon­troversen. Landwirte warnten, dass diese Mutprobe lebensgefährlich sei. TikTok reagierte und entfernte die umstrittenen Videos schließlich. „Wie unsere Community-Richtlinien deutlich machen, dulden wir keine Inhalte, die unnötig schockierend und grausam sind, sowohl gegenüber Menschen als auch Tieren. Die Videos unter den genannten Hashtags haben wir entfernt“, sagte eine Unternehmenssprecherin.

Dass Hashtags gesperrt werden, ist keine Seltenheit. Oft dauert dies jedoch, wie Jax erklärt: „Das Problem bei solchen Dingen ist, dass die Netzwerke oft nicht schnell genug reagieren können. Man muss sich vorstellen, was im Netz gerade passiert. Es gibt Schätzungen, dass z. B. auf Yotube 1000 Stunden ­Videomaterial pro Sekunde hochgeladen werden.“

"Daran sind auch Jugendliche gestorben“

Täglich gibt es so Tausende neue Challenges, die lebensgefährlich sind. Manche gehen viral. „Die ,Kulikitaka-Challenge‘ war noch eine der harmlosen. Ich erinnere mich an eine Challenge, bei der Jugendliche Geschirrspültabs gegessen haben. Daran sind auch Jugendliche gestorben“, ist Jax noch heute besorgt.

Um eine höhere Reichweite zu erzielen, machen Kinder und Jugendliche dabei mit. „Eltern sollten Interesse zeigen und fragen, wie z. B. eine aktuelle Challenge funktioniert. Ist diese gefährlich, kann gemeinsam nach anderen, vernünftigen Lösungen gesucht werden, um die Popularität zu steigern.“

Der Experte von Saferinternet.at möchte die Plattform aber nicht schlechtreden. Denn es gibt auch positive Aspekte: „Es gibt auch große Herausforderungen. Man arbeitet wie ein Regisseur. Ton, Bewegung, Inszenierung und Kleidung müssen zusammenpassen. Professionelle TikToker nehmen sich für einen 15-Sekunden-Clip mehrere Stunden Zeit.“ Auch der bisherige internationale Austausch ist ein positiver Nebeneffekt. „Auf Facebook oder Konsorten geht dies nicht, da es die Plattformen nicht überall gibt.“ Damit ist nun jedoch auch Schluss. Denn Indien hat nun u. a. TikTok wegen Sicherheitsbedenken verboten.

In den USA wurde die Macht der App kürzlich demonstriert: Für Donald Trumps „Wahlkampf-Corona-Party“ reservierten User Tausende Gratis­tickets, um für ein halbleeres Stadion zu sorgen.


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