„Harriet – Der Weg in die Freiheit“: Eine Superheldin schlägt sich durch

Kasi Lemmons beweist mit „Harriet – Der Weg in die Freiheit“, dass ein wichtiger Film nicht gut sein muss.

Harriet Tubman zählt zu den herausragenden Persönlichkeiten der US-Geschichte. Cynthia Erivo war für ihre Darstellung der Freiheitskämpferin 2020 für den Oscar nominiert.
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Innsbruck – Steve McQueen erzählte 2013 in „12 Years A Slave“ in schwer zumutbaren Bildern von der Entmenschlichung der Sklaverei. Quentin Tarantino nahm – bereits ein Jahr davor – mit „Django Unchained“ grotesk übersteuert Rache am historischen Verbrechen, das die USA so gern als überwunden verdrängt wissen möchten. Und Spike Lee führt in seinem jüngsten – unlängst auf Netflix veröffentlichten – Werk „Da 5 Bloods“ vor, wie die Wunden weiterbluten, bis in die Gegenwart. Und er thematisiert den Zorn darüber, der sich dieser Tage einmal mehr auf den Straßen entlädt. Delroy Lindo spielt in Lees Film einen Vietnam-Veteranen, der seinen Bruch mit systematischer Erniedrigung dadurch unterstreicht, dass er sich seit 2016 mit der roten Kappe eines Rassisten schmückt. Er gilt bereits jetzt als sichere Bank für die auf unbestimmt verschobenen Oscars.

Kasi Lemmons’ „Harriet“ geht einen ganz anderen Weg. Worin man durchaus einen Akt der Selbstermächtigung sehen kann. Sie erzählt keine Opfergeschichte mehr, sondern eine Heldinnen-, ja Heiligengeschichte. Hollywood hat solche Geschichten – gern mit dem Hinweis, dass sie auf wahren Begebenheiten basieren – seit jeher verfilmt. Zumeist waren die Helden weiß. Waren sie es nicht, gab es den „weißen Retter“, der das schlechte Gewissen der privilegierten Zuschauer beruhigte. Einen Kevin Costner (in „Hidden Figures“) oder Brad Pitt (in „12 Years A Slave“) zum Beispiel, die der Gerechtigkeit in die Spur helfen. Das gibt es in „Harriet“ nicht.

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Was den Film nicht unbedingt zu einem besonders guten Film macht. Aber es macht ihn bedeutsam. Erzählt wird die Geschichte von Harriet Tubman, die sich um 1850 zu Fuß aus der Südstaatensklaverei in den Norden durchschlug – und später mit der „Underground Railroad“ zu einer der maßgeblichen Fluchthelferin anderer Sklavinnen und Sklaven wurde. Im Bürgerkrieg war Tubman Kundschafterin für die Unionisten. In ihren späten Jahren engagierte sie sich für die Frauenrechtsbewegung. Eine beinahe mythische Figur war Harriet Tubman bereits vor ihrem Tod 1910. Präsident Obama setzte sich dafür ein, dass ihr Konterfei jenes des sklavenhaltenden Präsidenten Jackson auf der Fünf-Dollar-Note ersetzen wird. Sein Nachfolger setzte den bereits verabschiedeten Beschluss mit dem ihm eigenen Fingerspitzengefühl in Sachen Rassismus wieder aus. Auch deshalb ist ein Film, der Tubmans Leistungen feiert, richtig und wichtig. Dass Lemmons ein formal konventionelles Historiendrama vorlegt, ändert daran wenig. Cynthia Erivo spielt die Titelfigur als religiös entrückte Superheldin. Bisweilen tragen Film und Hauptdarstellerin dick auf. Ganz bewusst wird Tubman ins Übermenschliche überhöht. Aber nach einem Jahrhundert weißer Übermänner ist auch das eine Notwendigkeit. (jole)

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