Stimmung bei Tiroler Firmen so schlecht wie in der Finanzkrise

Ein Drittel der heimischen Firmen sieht sich in schlechter Lage. Angst vor neuen Corona-Maßnahmen lähmt Investitionen zusätzlich.

Symbolfoto.
© HARALD SCHNEIDER

Innsbruck – Die Stimmung in den Tiroler Unternehmen schwankt wöchentlich und ist auch innerhalb einer Branche höchst unterschiedlich. So sieht der Befund der Wirtschaftskammer Tirol zur aktuellen Situation in Tirols Firmen aus. Fest steht, dass die Leitbetriebe ihre aktuelle Lage und die Erwartungen für die kommenden Monate insgesamt so schlecht einschätzen wie zuletzt in der Finanzkrise 2009 – der entsprechende Geschäftsklimaindex der ­Kammer sackte auf den tiefsten Stand der vergangenen elf Jahre ab. „Eine Erholung ist erst im Laufe des Jahres 2021 in Sicht.“

Aktuell berichten nur 30 % der Tiroler Leitbetriebe von einer guten wirtschaftlichen Lage, 33 % dagegen von einer schlechten. „In der Krise, die der Staat verordnet hat, ist auch der Staat in der Verantwortung zu helfen“, sagt Wirtschaftskammer-Ökonom Stefan Garbislander. Etwa auch mit öffentlichen Investitionen. Denn die Stütze der heimischen Konjunktur sei derzeit zwar noch das Baugewerbe. Doch die Auftragslage am Bau werde im kommenden Jahr abflauen.

Schwer von den staatlichen Corona-Maßnahmen getroffen seien Tourismus und Industrie. 58 % der Tourismusbetriebe berichten von einer schlechten Auftragslage. Das deckt sich mit den Angaben der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV). Demnach verzeichnet die Qualitätshotellerie diesen Sommer bisher eine sehr schwache Auslastung. Die Betten sind im Juli nur zu 40, im August nur zu 37 und im September lediglich zu 30 Prozent ausgelastet. Üblich wären 70 Prozent.

Die Tiroler Industrie leidet stark unter der internationalen Rezession – 42 Prozent der heimischen Industriebetriebe sehen sich in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Tirols Exporte dürften laut Garbislander heuer um 15 Prozent auf 11,2 Mrd. Euro einbrechen. Rund die Hälfte der Betriebe seien nicht ausgelastet, entsprechend viele Kapazitäten lägen brach. Das habe zur Folge, dass auch weniger investiert wird. Und die Sorge vor möglichen schärferen Corona-Maßnahmen verschlimmere die Situation. „Wenn ich nicht weiß, ob mein Betrieb in drei Monaten wegen Corona-Maßnahmen schließen muss, investiere ich auch nicht“, so Garbislander: „Diese Angst ist Gift.“ Er glaubt aber auch, dass tourismuslastige Regionen wie Tirol schneller aus der Krise kommen als industrielastige Regionen.

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Der Handel zeichne ein verschiedenartiges Bild. Während beispielsweise der Modehandel schwer in die Gänge komme, boome der Sportartikelhandel. Die Sporthandelskette Intersport berichtete gestern aber von einem „sehr kritischen Blick auf die Wintersaison“. Lange Warteschlangen an den Skiliften und voll besetzte Großgondeln werde es wohl nicht geben.

Derzeit sind rund 1000 Personen in Österreich positiv auf das Coronavirus getestet, insgesamt waren es bisher rund 17.000. Im Gegensatz dazu sind 8,9 Millionen Österreicher entweder nicht infiziert oder sie haben es nicht gemerkt. „Dieses Verhältnis würde keinen zweiten Shutdown rechtfertigen“, sagt Wirtschaftskammerpräsident Christoph Walser auf Nachfrage. Und zur Kommunikation der Regierung gefragt, sagt Walser: „Totale Angstmache ist übertrieben, totale Entwarnung kann man aber auch nicht geben.“ Die Corona-Maßnahmen seien richtig gewesen, aber im Fall einer „zweiten Welle“ sollte man statt eines Shutdowns die gefährdeten Gruppen schützen. Eine mögliche Rückkehr zu einer generellen Maskenpflicht würde er als „geringeres Übel“ befürworten, wenn damit ein Abwürgen der Wirtschaft verhindert werden könne. Sorgen bereitet Walser auch, dass selbst große Betriebe nun weniger Lehrlinge im eigenen Betrieb ausbilden. Die Aufwertung der Lehre ist Wal­sers großes Steckenpferd.


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