Reisewarnungen für Balkanländer: Schaumgebremst in den Urlaub

Reisewarnungen für einige Balkanländer verunsicherten diese Woche Kroatien-Urlauber aus Tirol und bereiten Touristikern Sorgen.

Kroatien liegt nach Italien und dem Heimurlaub an dritter Stelle bei den Österreichern, wenn es um Urlaub geht.
© Thomas Auckenthaler

Von Sabine Strobl

Innsbruck – Nach Slowenien und Kroatien gibt es freie Fahrt. Das Außenministerium schließt aber weitere Reisewarnungen (wie derzeit für Westbalkan-Staaten wie Serbien und Bosnien, für Rumänien, Bulgarien und Moldawien) nicht aus. So weit die Situation, die meereshungrige Tiroler zum Ferienstart vorfinden. Viele sind verunsichert und reisen mit gemischten Gefühlen nach Kroatien. Lydia S. (Name der Redaktion bekannt) fährt mit Söhnen, Schwiegertochter und Enkeln nach Porec. „Ein bisschen durcheinander sind wir schon. Wir haben lange überlegt, ob wir fahren sollen oder nicht.“

Die Info vom Hotel, dass nur jedes zweite Zimmer belegt sei, habe sie aber überzeugt. Zur Not könne man mit dem Auto rasch die Rückreise antreten. Lydia S. verzichtet aber darauf, die Familie ihrer Schwester, die in Kroatien lebt, zu treffen. „Wir haben ausgemacht, dass wir uns in besseren Zeiten wieder sehen.“ Eva P. (Name der Redaktion bekannt) ist mit Familie und Freunden nach dem Zeugnis aufgebrochen.

Die Tiroler Familien hatten schon vor einem Jahr ein Haus in Istrien gebucht. Jetzt wollte man nicht mehr absagen. Im Falle werde sie sich nicht wie eine Sardine mit anderen an den Strand zwängen, sagt Eva P. Insgesamt fühle sie sich aber mit Abstands- und Hygieneregeln hier wie da sicher. Und: „Die Kinder freuen sich auf das Meer. Ich habe nachher noch frei und somit einen Spielraum.“ Sorgen machen ihr eventuelle neue Grenzbestimmungen bei der Rückreise.

Die Österreicher insgesamt verbringen ihren Urlaub gerne im eigenen Land, gefolgt von Italien und Kroatien. Abgesehen davon finden auch Tourismusforscher wie Peter Zellmann die derzeitige Situation verwirrend.

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Ein Grund für Tiroler, nach Kroatien zu reisen, ist die gute Erreichbarkeit mit dem Auto. Kroatien verbuchte aber von Jänner bis 9. Juli 2020 nur 21 Prozent der Ankünfte aus Österreich im Vergleich zum Vorjahr.
© strobl

Aus seiner Sicht würden viele Auskünfte und Maßnahmen der Bundesregierung dazu dienen, die Österreicher in Österreich zu halten. „Die Verunsicherung scheint Strategie zu sein. Was genau dahinter steckt, ist kaum zu deuten. Aber das alles schadet dem Tourismus insgesamt. Schließlich empfängt Österreich ja auch Gäste aus dem Ausland“, bedauert Zellmann. „Dass sich Länder und Bundesländer gegenseitig ausspielen, gefällt mir nicht. Das geht am Konzept der nächsten Jahre vorbei.“ Es fehle eine solidarische Analyse vom Burgenland bis quer durch die EU-Länder. Und Österreich müsse sich bewusst sein, dass es als Gastgeberland Nummer 1 ein gewisses Image hat, das es zu bewahren gilt. Kroatien sei dieser Tage jedenfalls der „größte Verlierer, aber das kann sich schnell wieder ändern“.

„Wir alle brauchen die Saison"

Branimir Toncinic, Leiter der Kroatischen Zentrale für Tourismus in Wien, zeigt sich optimistisch. Zur Zeit sei freier Verkehr zwischen Slowenien, Kroatien und Österreich gewährleistet. Wie der Touristiker, der seinen eigenen Kroatienurlaub nächste Woche antreten will, berichtet, habe Kroatien in den letzten Jahren ein Wachstum der Urlauber aus Österreich verzeichnet. Heuer ist das Urlaubsverhalten Corona-bedingt schaumgebremst. Vom heurigen Jänner bis zum 9. Juli wurden 133.000 Ankünfte aus Österreich und 685.300 Nächtigungen erhoben.

Weiter gerechnet, gab es im ersten Halbjahr nur ein Fünftel der sonst gezählten Ankünfte aus Österreich in Kroatien. Ein Hauptwirtschaftszweig ist der Tourismus. Toncinic rechnet aber heuer mit 30–40 Prozent des Umsatzes im Vergleich zum Vorjahr: „Wir alle brauchen die Saison.“ Von den Österreichern am besten besucht ist das mit dem Auto erreichbare Is­trien und die Kvarna-Region.

Zu den aktuellen Maßnahmen zählen Maskenpflicht für das Personal im Restaurant sowie natürlich Hygiene- und Abstandsregeln. Bei regionalem Anstieg der Corona-Infizierten könnten die Regeln verschärft werden, sagt Toncinic. Der Touristiker hofft trotzdem auf eine gute Nachsaison.

Berichte von Urlaubern zeigen, dass heuer einige auch aus Sicherheitsgründen auf einen Segelurlaub setzen. Wie Linda Kircher von der österreichweit agierenden Segelakademie Blue-2 informiert, ist etwa das Skippertraining nach dem Ausfall im Frühjahr bis August gut gebucht. Die Sicherheitsregeln würden angenommen. Nur einmal musste sie hören, dass Corona nichts mit Urlaub zu tun haben sollte. Trotz der erfolgreichen Krisenstrategien bleibt die Sorge vor einer zweiten Welle.

21.600 Menschen in Tirol haben so genannte Wurzeln in Ex-Jugoslawien, das für viele mehrmals im Jahr ein Ziel ist. Faruk Mlivic, Hotelmanager in Innsbruck, hat seine Urlaubsentscheidung schon lange vor den aktuellen Reisewarnungen getroffen. Die Wahl fiel auf Kärnten. Normalerweise reist er drei- bis viermal im Jahr nach Bosnien. Auch die Eltern würden gerne ins Familienhaus fahren. „Das Risiko wäre für sie zu groß. Auch die medizinische Versorgung ist schlecht. Wir haben uns damit abgefunden, dass wir heuer nicht nach Bosnien fahren“, erzählt Mlivic. Doch jetzt „fehlt in Bosnien das Geld der ‚Gastarbeiter‘, die dort investieren.“ So fühlt sich der Sommer mit Corona an.


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