Mit Exotik infiltriertes Blockhaus von Carl Pruscha in Sistrans

Noch ganz mit den Bildern anonymer asiatischer Architekturen im Kopf hat Carl Pruscha Ende der 1970er-Jahre in Sistrans für seine Schwester ein Blockhaus gebaut, bei dem alles irgendwie anders als „normal“ ist.

Als Puffer zwischen Natur und Architektur ist das Haus Strickner an drei Seiten von einer überdachten Veranda umgeben.
© Günter Richard Wett

Von Edith Schlocker

Sistrans – Betritt man das Haus von Hannelore und Franz Strickner, glaubt man fast, in einer exterritorialen Oase gelandet zu sein. In einer Welt sich verschneidender Kulturen, die genauso viel mit Tirol wie Nepal zu tun hat. Denn als Carl Pruscha, der „große“ Bruder der Hausherrin, 1976 das Haus entworfen hat, ist der 1964 von der UNO als Berater für Raumplanung der nepalesischen Regierung nach Kathmandu geschickte Architekt gerade von dort wieder nach Österreich zurückgekommen. Noch mit vielen Bildern dieses Landes im Kopf, das noch lange sein Traumland bleiben sollte, bis dessen autochthone Kultur mehr und mehr am Altar des Tourismus dem Kommerz geopfert werden sollte.

Das erste Haus, das Carl Pruscha nach seiner vorläufigen Rückkehr in Österreich bauen sollte, war das für seine Schwester in Sistrans. Einen wunderschönen, damals noch einsam an einem leicht ansteigenden Hang liegenden, allein von einem schma­len Feldweg erschlossenen Bauplatz gab es bereits. In seiner Unberührtheit der ideale Ort für Pruscha, dem es immer wichtig war, mit und nicht gegen die jeweilige Landschaft und lokale Bau­tradition zu bauen.

Dass das von ihm geplante Haus allerdings keines im damals – und leider allzu oft noch immer – in Tirol üblichen Lederhosenstil werden würde, war klar. Sondern ein auf den ersten Blick schlichtes Blockhaus, wie es die in einem Bauernhof in der Wildschönau aufgewachsenen Geschwister aus ihrer Jugend kannten. Transformiert allerdings in die Architektursprache von heute und angereichert mit Bildern ano­nymer asiatischer Architekturen.

Während die Fenster im Haus Strickner generell eher klein sind, öffnet es sich Richtung Süden durch raumhohe Fenster bzw. Türen zu einer Veranda.
© Günter Richard Wett

Diese Ideen in Tirol in den 1970er-Jahren durch- bzw. umzusetzen, bedurfte allerdings eines hohen Maßes an mentaler Zähigkeit, Überzeugungskraft und Ausdauer. Angefangen mit dem Dach, das laut damaliger örtlicher Bauvorschrift ein mit roten Ziegeln gedecktes Satteldach sein musste, um nach langem Hin und Her schließlich ein kaum geneigtes Walmdach mit zunehmend grüner und somit schöner werdender Kupferhaut zu werden.

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Aber auch die für die Blockbauweise notwendigen gleichmäßig dicken Baumstämme ließen sich im waldreichen Tirolerland nicht auftreiben. Weshalb die Balken für das Strickner’sche Haus nach den exakten Plänen Pruschas von einer finnischen Fertigteilhausfirma produziert und mit drei Sattelschleppern nach Sistrans transportiert wurden. Samt sechs Monteuren, die die feinsäuberlich nummerierten Fichtenstämme in sechs Wochen vor Ort zum Blockhaus ineinandergefügt haben, bevor diese teilweise von den Strickners eigenhändig fast schwarz lasiert wurden. Basis des Blockhauses sind betonierte, das leicht ansteigende Gelände ausgleichende Kellergewölbe, die mit der Wohnebene durch eine Wendeltreppe verbunden sind.

Im Dorf seien sie nach ihrem Einzug 1978 sofort die Bewohner des „spinnerten“ Hauses gewesen, erinnert sich Hannelore Strickner. was sie allerdings überhaupt nicht gestört habe. Dass seine Schulkameraden ihn gefragt haben, warum er in einem Stadel wohnen müsse, darunter habe ihr damals siebenjähriger Sohn dagegen schon sehr gelitten.

Nicht wirklich in Tirol fühlt man sich in dem rund 70 Quadratmeter großen zentralen Wohnraum mit seiner vertieften Sitzmulde samt weißem Kachelofen.
© Günter Richard Wett

Dass Pruschas Wunsch, dass das Haus für seine Schwester und deren Familie sozusagen der Prototyp für eine kleine, sanft in die mittelgebirgige Landschaft eingebettete Siedlung werden könnte, eine Vision bleiben wird, war bald klar. Es blieb ein Single, inzwischen umzingelt von einer architektonisch heterogenen Nachbarschaft, von der sich die Strickners durch einen üppigen Baumbestand allerdings wunderbar abzuschotten wissen. Um auf diese Weise gleichzeitig fast unsichtbar zu werden.

Das rund 130 Quadratmeter große Wohngeschoß betritt man über ein paar Stufen. Etwas mehr als die Hälfte davon nimmt ein fast quadratischer Raum ein, der westseitig zu einer großen, mit schönen Textilien belegten Sitzmulde vertieft ist. Der Esstisch ist von Le Corbusier, die Stühle hat ein lokaler Tischler gemacht. Der Blockbauweise geschuldet, musste die gesamte Technik in die Decken und Böden integriert werden. Letztere sind mit schönen, in Italien handgemachten Fliesen aus Terrakotta belegt, deren sanftes Orangebraun fein mit dem Schwarzbraun der Wände und dem Weiß der Decke harmoniert. Die schwarzen Holzfenster sind eher klein und hoch angesetzt, südseitig allerdings raumhoch sich öffnend zu der das Haus an drei Seiten umlaufenden überdachten, auf niedrige Punktfundamente aufgeständerten Veranda, was das Haus fast wie schwebend daherkommen lässt.

Diese Veranda definiert sanft die Zone zwischen dem etwas höhligen Innen und dem üppig grünen Außen, das Richtung Westen zur bequemen Terrasse wird. Nach oben durch vier, nach unten durch zwei übereinandergeschichtete Holzstämme begrenzt, vertikal verbunden durch hölzerne Steher. Die Türen zur Veranda gehen nach außen auf, wie die Fenster hermetisch verschließbar durch hölzerne Läden.

Der Wohnraum öffnet sich halbhoch zu einer kleinen Küche. Richtung Osten liegen das Schlafzimmer, die ehemaligen Kinderzimmer und das Bad. Erschlossen durch einen schmalen Gang, der diese sehr spezielle Wohnwelt durch einen Spiegel ins Unendliche fortzusetzen scheint. Über eine enge, durch ein Oberlicht erhellte Wendeltreppe steigt man hinab in die betonierte Gewölbewelt. Um einzutauchen in ein Raumgefühl, das im Gegensatz zu oben komplett anders ist. Wo die natürlichen Materialien klimatisch im Sommer wie im Winter wahre Wunder wirken, so die Hausherrin. Und durch die Patina, die sie ansetzen, immer schöner werden. Wobei die Architektur äußerlich zunehmend von der Natur vereinnahmt zu werden scheint.

In den Gewölben mit ihren ebenerdig zum Garten liegenden Fenstern gibt es Platz für Besucher. Hier ist aber auch eine Sauna eingerichtet, liegen der Heizraum, eine Waschküche sowie ein Vorratsraum mit direktem Zugang zu der dem Haus vorgebauten Garage. Dessen Zufahrt mit Steinen gepflastert ist, über die schon Maria Theresia gegangen ist, als sie noch den Platz vor dem Goldenen Dachl versiegelt haben.

In dem Buch, das zu der aktuell im Innsbrucker aut. architektur und tirol laufenden Ausstellung „Widerstand und Wandel. Über die 70er-Jahre in Tirol“ erschienen ist, hat Günter Richard Wett einen schönen Fotoessay gestaltet, in dem das Haus Strickner eine von 27 Rollen spielt.


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