Keine Mindestabstände und Masken: Empörung über zu wenig Schutz

Immer mehr Tiroler kritisieren fehlende Mindestabstände und Masken in Apotheken, Gondeln und Zügen. Die Eigenverantwortung scheint auf Sommerurlaub zu sein.

Seilbahnen zählen zu öffentlichen Verkehrsmitteln – ein Mund-Nasen-Schutz ist Pflicht.
© Thomas Boehm / TT

Von Jasmine Hrdina

Innsbruck – „Oben ohne“ ist diesen Sommer verpönt – und doch sind in öffentlichen Verkehrsmitteln und medizinischen Bereichen trotz Tragepflicht immer wieder Personen ohne Mund-Nasen-Schutz anzutreffen. Die Luft wird dünner – nicht nur zwischen Befürwortern und Gegnern der Corona-Schutzmaßnahmen. Auch die ÖBB kämpfen mit dem wieder steigenden Passagieraufkommen – Mindestabstände können zu Stoßzeiten nicht eingehalten werden. Wer ohne Maske fährt, könnte schon bald des Zuges verwiesen werden, eine dafür notwendige Änderung der Beförderungsrichtlinien ist derzeit in Prüfung. Die Polizei hingegen kontrolliert nur auf Anforderung bzw. im Rahmen des allgemeinen Streifendienstes.

Die Rückkehr zum Mund- und Nasenschutz könnte schon bald in den Lebensmittelgeschäften wieder verbindlich eingeführt werden. SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner hatte sich in der ZiB 2 für die Wiedereinführung der Maskenpflicht in Supermärkten ausgesprochen. Den Vorschlag der ausgebildeten Ärztin nannte Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) am Dienstag „überlegenswert“. Die Regierung wolle nun aber mit dem angekündigten Ampelsystem den Weg gehen, Probleme regional zu lösen, ergänzte Kogler. Er fügte jedoch hinzu, dass beim besagten Ampelsystem eine Maskenpflicht in bestimmten Bereichen möglich sei.

"Niemand von denen hatte eine Maske auf“

Angela Grießenböck ist sauer. Nicht nur, weil ihr in einer Unterländer Apotheke kürzlich jemand mehrmals offen ins Genick hustete. „Die Hälfte der Kunden trug keine Schutzmaske. Das wurde von den Apotheken-Mitarbeitern auch nicht beanstandet“, empört sich die Kramsacherin. Das sei aber auch nicht deren Aufgabe, verweist der Chef-Pharmazeut (Name der Redaktion bekannt) auf ein Schreiben der Apothekerkammer.

„Für das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) beim Betreten der Apotheke ist immer der Kunde selbst und nicht die Apotheke verantwortlich.“

Die Hinweise am Eingang müssten ausreichen, glücklich sei der Magister über die mangelnde Disziplin seiner Kunden aber nicht.

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Piktogramme und Worte verfehlen auch andernorts, wo eine Maske vorgeschrieben wäre, immer wieder ihre Wirkung. Mehrere TT-Leser schilderten in den vergangenen Tagen ihre negativen Erfahrungen. Angelika Khittl ärgerte sich Anfang Juli über Passagiere des Bergeralmlifts in Steinach a. B. Die 74-Jährige stand frühmorgens bei den 8er-Gondeln an – hinter sie und ihre Freundin schob sich eine Wandergruppe. „Wir sind die Treppe weiter hoch, um den Abstand zu vergrößern. Niemand von denen hatte eine Maske auf“, erinnert sich die Innsbruckerin, „doch sie sind sofort nachgerückt.“

Ihrem Drängen, die Maskenlosen mögen doch in eine separate Gondel steigen, soll die Gruppe zwar nachgekommen sein, nicht jedoch, ohne einen zynischen Kommentar abzufeuern. Betriebsleiter Florian Raffl versichert: Die Maskenpflicht ist mehrfach ausgewiesen. Im Rahmen des Hausrechts könne er Personen sogar den Zutritt verwehren, heißt es dazu aus dem Sozialministerium – es sei denn, es sei lebensnotwendig oder es seien „sonstige Schäden“ zu erwarten.

Wie ein Gummiball an einer Betonmauer

Der Appell der Bundesregierung an die Eigenverantwortung scheint immer öfter an Personen abzuprallen, wie ein Gummiball an einer Betonmauer. Die Viren hingegen tun das Gegenteilige. „Abstand halten ist noch wichtiger als Maske tragen“, verdeutlicht Reinhard Würzner, stv. Leiter des Instituts für Hygiene und Medizinische Mikrobiologie der Med-Uni Innsbruck. „Wenn ich mich mit jemandem mit zwei Metern Entfernung unterhalte, brauche ich keine Maske. Wenn es 20 Zentimeter sind, und wir beide Masken aufhaben, kann es allerdings trotzdem zu einer Ansteckung kommen.“ Feinste Speicheltröpfchen finden immer ihren Weg.

Überfüllte Züge werden zum Problem

Übervolle Waggons, kein Mindestabstand und ein Mund-Nasen-Schutz (MNS), der nur am Kinn baumelt. Viele Tiroler fühlen sich auf Zugfahrten nicht ausreichend vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus geschützt. In einem konkreten Fall gab es auf der Fahrt von Salzburg nach Imst keinen Sitzplatz mehr. Die Fahrgäste drängten sich in den Gängen, viele verzichteten auf ein korrektes Tragen des MNS.

Bei den ÖBB weiß man um das Problem. Pressesprecher Christoph Gasser-Mair räumt ein, dass aufgrund des vermehrten Passagieraufkommens der Mindestabstand nicht immer eingehalten werden könne. „Alles, was auf Schienen fährt und verfügbar ist, ist im Einsatz“, versichert er, dass man die Fahrpläne ständig anpasse. Auf die Maskenpflicht werde umfangreich via Monitore, Plakate, Durchsagen und Personal hingewiesen. „Passagiere sollen ihren Unmut darüber aber bitte nicht gegen das Zugpersonal richten“, appelliert er.

Derzeit prüfen die ÖBB eine Anpassung der Beförderungsbestimmungen, um uneinsichtige Personen des Zuges verweisen zu können. Aktuell dürfe dies nur die Polizei – wenn notwendig, mittels Festnahme, wie Polizeisprecher Christian Viehweider erklärt. Im Idealfall reicht die Aufforderung, der Maskenpflicht nachzukommen, aber aus. 25 Euro kann es durchaus kosten, wird man „oben ohne“ erwischt (Verwaltungsübertretung). Bei Wiederholungstätern können außerdem Anzeigen und höhere Geldstrafen folgen.

Würzner rät dazu, im Supermarkt wieder zum MNS zu greifen. Der „Babyelefant“ (als Maß für den empfohlenen Mindestabstand von ein bis zwei Metern) sei bei vielen in Vergessenheit geraten. „Wer Maske trägt, ruft anderen in Erinnerung, dass die derzeitige Situation eben eine andere ist als früher.“

Der Grüne Gesundheitssprecher im Tiroler Landtag, Gebi Mair, hofft, dass Gas­tronomen die Kontaktdaten ihrer Kunden (auf freiwilliger Basis) erfassen, um im Falle einer Positiv-Testung schnell und ohne öffentlichen Aufruf reagieren zu können. Die Angst vor einer Stigmatisierung könne dazu führen, dass Infektionen verschwiegen werden, warnt Mair.


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