555 Kilometer und 20.000 Höhenmeter zu Fuß: Venedig zum Nulltarif

Andrea Lindner wollte schon lange den Weitwanderweg von München nach Venedig zurücklegen. Geld gibt sie dafür nicht aus. Um gratis zu logieren, arbeitet sie auf Hütten.

Andrea Lindner ist auch für Nächte unter dem Sternenhimmel vorbereitet.
© Lindner

Von Manuel Lutz

Innsbruck – Eine Reise nach Venedig im heurigen Sommerurlaub – für einen Kurztrip eigentlich ideal. Mit Auto, Zug oder Bus erreicht man das Ziel in nur wenigen Stunden. Andrea Lindner hat sich jedoch für eine etwas andere Tour zum Markusplatz entschieden: Innerhalb von fünf Wochen legt sie dafür zu Fuß 555 Kilometer und 20.000 Höhenmeter zurück. Gestartet ist die 28-Jährige am 1. Juli in München.

„Ich hab vom Traumpfad München-Venedig von Ludwig Graßler gelesen und das alles dann eigentlich mit einer Freundin geplant. Zeitlich hat es aber nie geklappt. Nun habe ich einfach beschlossen, die Herausforderung alleine anzunehmen“, erzählt Lindner über die Beweggründe. Die Route, die in Tirol vom Karwendel über das Inntal und das Wattental über den Glungezer bis zur Lizumer Hütte und weiter über die Friesenbergscharte zur Dominikushütte am Schlegeis Stausee nach Italien führt, ist jedoch nicht das Einzige, was die freiberufliche Journalistin zu bewältigen hat. „Ich möchte es schaffen, ohne dabei Geld auszugeben“, so das Ziel der Deutschen, die aus Weißenburg stammt.

Bei ihrer Tour muss sie auch über Felsen (oben) klettern.
© Lindner

Die Idee von Lindner: im Vorfeld Hütten anschreiben, um im Tausch gegen Arbeitsleistung Essen und einen Schlafplatz zu bekommen. Aufgrund des Lockdowns während der Corona-Krise blieb dafür aber nicht viel Zeit zur Planung: „Anfang Juni war klar, dass die Grenzen aufgehen und auch die Hütten wieder geöffnet haben. Diese habe ich dann auch angeschrieben und teilweise auch eine Bestätigung erhalten, dass es funktioniert.“

In ihrem Rucksack hat sie nur das Wichtigste dabei.
© Lindner

Um für unvorhergesehene Ereignisse gerüstet zu sein, hat Lindner in ihrem Rucksack mit einem Biwak, einer Isomatte sowie einem Schlafsack auch die notwendige Ausrüstung dabei, um draußen schlafen zu können. „Mein Rucksack hat aktuell zwölf Kilo. Ich wollte so wenig Ballast wie möglich mitschleppen. Neben der Ausrüstung habe ich noch Wasser, ein bisschen Verpflegung, Kleidung, eine Zahnbürste, Zahnpasta, Sonnencreme und Blasenpflaster mit.“ Den einzigen „Luxus“, den sich Lindner gegönnt hat, ist ein Buch: „So kann ich ein bisschen lesen, sollte es sich ausgehen.“

Auf den Hütten, wie hier auf der Lizumer Hütte, ist sie eine gern gesehene Mitarbeiterin.
© Lindner

Schon nach wenigen Tagen sollte dafür Zeit sein. Denn es setzte den ersten Rückschlag: „Eine Hütte hatte mir eigentlich zugesagt, dass ich dort arbeiten kann. Als ich ankam, mussten sie mir jedoch absagen, da aufgrund der Corona-Krise so wenig los sei, dass es nicht einmal genug Arbeit für das Team selbst gebe. Etwas enttäuscht baute Lindner ihr Quartier auf und verspeiste ihren Proviant. „Da hab’ ich mir echt gedacht: ,Was mache ich, wenn mir das fünf Tage in Folge passiert?‘“

Danach verlief der Weg durch Tirol jedoch wie am Schnürchen. Bereits am nächsten Tag fand Lindner über Facebook eine Sympathisantin, die ihr in Wattens eine Unterkunft, auch ohne Arbeit, angeboten hat: „Mit Hildegard habe ich mich super verstanden und zugleich auch die Möglichkeit gehabt, meine Wäsche zu waschen.“

Auf der Kaiserhütte, Nördlinger Hütte sowie Lizumer Hütte hat die Journalistin dann gezeigt, dass sie auch anpacken kann: „Ich helfe, wo Not an der Frau ist. Ich habe sogar schon Trinkgeld bekommen, dadurch bin ich sogar im Plus.“ Besonders gefreut haben sie die Worte von der Chefin der Kaiserhütte: „Es war richtig viel los. Andrea hat mir gedankt und meinte: ‚Echt toll, dass du hier warst. Dadurch konnte ich einmal kurz Pause machen und mit den Gästen reden.‘ Das ist natürlich toll, dass man auch etwas geben kann und sich nicht wie eine Bittstellerin fühlt.“

Zudem haben die Hütten durch Lindner auch einen gewissen Werbewert. Denn über ihren Blog lässt sie Interessierte an ihrer Tour teilhaben: „Mir wurden viele Fragen dazu gestellt. Daher habe ich entschieden, über Social Media die Menschen zu informieren. Viele hatten Bedenken, dass wegen Corona alles geschlossen ist. Durch meine Berichte wollen die Leute aber nun auch die Tour machen. Zusätzlich drehe ich nun auch einen kleinen Film“, erzählt die Bergreporterin.

Dies war jedoch nicht der ausschlaggebende Grund, weshalb sie das Projekt in Angriff genommen hat: „Ich wollte es für mich machen. Ich bin ein Mensch, der immer in Gesellschaft ist, ich habe Hummeln im Hintern. Ich wollte daher schauen, wie es ist, alleine unterwegs zu sein.“ Das Vorhaben funktioniert bislang toll, langweilig wurde Lindner nicht: „Es ist echt super. Beim Wandern habe ich Zeit für mich. In der Hütte trifft man dann Leute. Oft sogar die gleichen immer wieder. Einen Wanderkoller habe ich noch nicht.“

Zehn Tage war Lindner in Tirol unterwegs, seit Dienstag ist sie in Südtirol. Heute geht es in die Dolomiten. Dort wartet noch ein Highlight: „Über Social Media hat mir jemand eine Nacht in der Fassa-Hütte mit Halbpension spendiert.“ Läuft alles nach Plan, kommt Lindner am 10. August in Venedig an. Zurück geht es wohl nicht zu Fuß: „Die Hütten hätten mir aber angeboten, dass ich bis Oktober bleiben kann.“


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