Das Leben für andere riskieren: "Zivilcourage ja, zu viel Courage nein"

Uneigennützige Helfer sind eine wichtige Säule des Rettungswesens. Zivilcourage ja, zu viel Courage nein, mahnt Landespolizeidirektor Kohler aber vor Selbstüberschätzung.

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Ein 31-Jähriger rettete Anfang der Woche am Walchsee eine deutsche Touristin vor dem Ertrinken. (Symbolfoto)
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Von Benedikt Mair

Innsbruck – Hilferufe hallen Dienstagnachmittag gegen 16.20 Uhr über den Walchsee in Kössen. Auf einer Liegewiese hört diese ein 31-Jähriger. Der Niederösterreicher, der Urlaub in der Region macht, sieht eine Frau, die gegen das Ertrinken ankämpft und greift sich ein Surfbrett. Er paddelt zu ihr und bringt sie an Land. Mit seinem beherzten und geistesgegenwärtigen Einschreiten, rettete der junge Mann der 39 Jahre alten Deutschen das Leben.

Der Fall aus dem Tiroler Unterland ist nur eines von vielen Beispielen, in denen uneigennützige Menschen ihre eigene Gesundheit für das Wohl anderer aufs Spiel setzen. Zivilcourage ist eine wichtige Säule des Rettungswesens im Land, befindet auch Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). „Sie ist in einer vom Miteinander geprägten Gesellschaft wesentlich. Vor lebensbedrohlichen Situationen ist leider niemand gefeit, sei es bei Autounfällen, Bränden oder Wanderungen. Sich selbstlos für andere Menschen auch bei unmittelbarer Gefahr einzusetzen, verdient unsere höchste Anerkennung“, sagt er.

Edelbert Kohler
, Landespolizeidirektor: „Aus Sicht der Polizei ist Zivilcourage ein wichtiger Faktor bei der Aufklärung von Straftaten.“
© Vanessa Rachlé/TT

Auch deshalb werden vom Land Tirol jedes Jahr traditionell am 15. August besonders mutige Bürger mit der Lebensrettermedaille geehrt, 21 waren es im Vorjahr. Wer kann diese Auszeichnung erhalten? „Die Einreichung beziehungsweise Antragsstellung für die Verleihung einer Lebensrettungsmedaille wird meist von Privatpersonen, der ortsansässigen Gemeinde oder den Blaulichtorganisationen, welche den Unfall aufgenommen haben, vorgenommen“, heißt es dazu aus der Pressestelle des Landes. Dies sei über ein Formular für Landesauszeichnungen möglich. „Nach Prüfung der gesamten personenbezogenen Daten und Überprüfung des Unfallherganges wird“, wie die Pressestelle weiter mitteilt, „von Seiten des Landes zusätzlich eine Stellungnahme der Gemeinde, der Blaulichtorganisation oder gegebenenfalls ein Polizeibericht geprüft.“ Werde dabei „eine Lebensrettung unter Gefährdung des eigenen Lebens oder der eigenen Gesundheit“ bestätigt, werde den Anwertern die Auszeichnung per Regierungsbeschluss zugesprochen.

Heuer entfällt, wie berichtet, die Vergabe der Lebensrettermedaille. Landeshauptmann Platter sagt, dass „aufgrund der Corona-Krise der 15. August ganz im Zeichen der engagierten Tirolerinnen und Tiroler stehen wird, die sich während dieser herausfordernden Zeit im Sinne der Gemeinschaft engagiert und maßgeblich dazu beigetragen haben, dass wir diese erste herausfordernde Phase mit Solidarität und Mut gemeistert haben.“ Die Lebensretter, die heuer eine Auszeichnung verdient hätten, werden zur Verleihung am 15. August 2021 eingeladen.

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„Nicht selbstverständlich“ ist es für Tirols Landespolizeidirektor Edelbert Kohler, dass sich völlig Unbeteiligte für andere Menschen oder die gute Sache aufopfern. Dass das passiere, sei auch eher die Ausnahme denn die Regel. Erkennen will er das allein schon dann, wenn „etwa in Innsbruck auf offener Straße ein Verbrechen geschieht, nur wenige Anrufe bei uns eingehen, wir aber wissen, dass es viel mehr Leute gesehen haben müssten“. Denn für Kohler sei es schon lobenswert, wenn „hin- und nicht weggeschaut wird. Aus Sicht der Polizei ist das ein wichtiger Faktor bei der Aufklärung von Straftaten.“ Vor Selbstüberschätzung mahnt der Landespolizeidirektor aber eindringlich: „Zivilcourage darf nicht mit zu viel Courage verwechselt werden.“ Sich selbst oder andere solle bei einem Rettungsversuch niemand in Gefahr bringen. „Es ist ein schmaler Grat. Einem guten Schwimmer ist es zuzumuten, einem Ertrinkenden zu helfen. Wer nicht schwimmen kann, sollte lieber den Notruf wählen.“

Ehrungen für couragierte Bürger vergibt jedes Jahr auch die Polizei in Kooperation mit der Landesstelle Tirol des Kuratorium Sicheres Österreich. Polizeidirektor Kohler: „Zwischen 10 und 15 Menschen werden jährlich ausgezeichnet. Darunter beispielsweise solche, die Einbrecher verfolgt haben. Aber ich kann mich auch an einen Pater erinnern, der einen Opferstockdieb auf frischer Tat ertappt und ihn dann in der Kirche eingesperrt hat, bis ihn die Polizei verhaften konnte.“

Beim Einschreiten komme es aber auch auf die Angemessenheit an, sagt Kohler. „Wer bei einer Schlägerei dazwischengeht, kann in die Verlegenheit kommen, sich körperlich zur Wehr zu setzen. Das Risiko eines Prozesses besteht natürlich. Über die Verhältnismäßigkeit entscheidet dann der Richter.“


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