„How to sell drugs online (fast)“: Lügen sind Investitionen in die Zukunft

Am Dienstag startet die Fortsetzung der erfolgreichsten deutschen Netflix-Produktion „How to sell drugs online (fast)“. Der Trip geht weiter.

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Streaming, Games und Party: Lisa (Lena Klenke) und Moritz (Maximilian Mundt) sind normale Siebzehnjährige – wäre er nicht bereits Selfmade-Millionär. Dabei startete Moritz sein „Amazon, nur für Drogen“ eigentlich nur, um seine Freundin zu beeindrucken.
© Netflix

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Wie erschafft man einen deutschen Netflix-Hit (schnell)? Man bleibt unpeinlich gegenwärtig. So lautet das Erfolgsrezept der Serie „How to sell drugs online (fast)“, die seit Mai 2019 auf der Streamingplattform läuft. Die erste Staffel ist laut eigenen Angaben die erfolgreichste deutsche Netflix-Produktion des letzten Jahres, ab Dienstag ist die Fortsetzung verfügbar.

Dass Drogen guter Stoff für Serien sind, beweisen „Breaking Bad“ oder „Narcos“. Nicht Pablo Escobar, sondern der 18-jährige „Shiny Flakes“ liefert die (lose) Vorlage für „How to sell drugs online (fast)“. Ermittler beschlagnahmten 2013 320 Kilogramm Rauschgift im Kinderzimmer des Online-Drogendealers. Die Serie verortet den ganz großen Coup in der Provinz, in der fiktiven Stadt Rinseln: Drei Siebzehnjährige werden mit ihrer Website mydrugs.to zu Millionären. In wenigen Monaten vom Dark- zum Clearweb-Business. Ihr „Amazon, nur für Drogen“ ist sauber, schnell, diskret. Kiloweise bunte Spaßmacher werden an das junge Partyvolk gebracht. Gleichzeitig entwickelt sich zwischen den Nerds Moritz (Maximilian Mundt), Lenny (Danilo Kamperidis) und dem Schönling Dan (Damian Hardung) eine schräge Art von Freundschaft. Läuft bei ihnen. Jedenfalls so lange, bis auch andere (etwa Bjarne Mädel als „Buba“) ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Und schon ist einer tot. Aber das Business floriert weiter.

📽 Video | How to Sell Drugs Online (Fast): Staffel 2 | Offizieller Trailer

So weit – so erfolgreich. In der zweiten Staffel will das Trio (ja, die leben noch!) aus dem Drogen-Handel aussteigen, Abitur machen und ein gutes Leben haben. Nur Initiator Moritz, inzwischen Start-up-CEO, palavert lieber weiter in Businesssprech von Expansion und Qualitätskontrolle. Und auch die Zulieferer, ein holländischer Drogenumschlagplatz, der als schnieker Innovations-Hub getarnt ist, will Wunderkind Moritz am Ball halten. Also kommt es, wie es kommen muss, der Nerd lügt. Noch besser, seine Lügen redet er sich als Investitionen in die Zukunft ein. Bald macht er nicht nur mit Holland, sondern auch mit zwielichtigen Hinterwäldlern (ein großartig roher Michael Ostrowski!) Geschäfte.

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Das erkennen auch Lenny und Dan, die in den neuen Folgen ebenso eine Wandlung durchmachen: Dan legt seine Rolle als Schulschönling ab, zeigt Mut zur Brille und zum Buch. Der gehbehinderte Lenn­y wendet sich erstmals von seinem besten Sandkastenfreund Moritz ab und damit von seiner Jungfräulichkeit sowie von jeglichen Geheimhaltungsprinzipien – blöd nur, dass Freundin Kira selbst ein florierendes Internet-Betrugs-Business von ihrem Wohnwagen aus unterhält.

Das ist viel Stoff für eine Staffel, aber es ist längst nicht alles. Am Ende der sechs halbstündigen Folgen wird es gar noch einmal todesgefährlich. Irrwitzig schnell und in einem wild collagierten Nebeneinander rattert die „bildundtonfabrik“, die abseits von „How to sell drugs online (fast)“ auch Jan Böhmermanns ausgelaufenes „Neo Magazine Royale“ produzierte, wie einen nicht endenwollenden Drogentrip runter. Im Rausch flitzen Nebenstränge in Form von Bildern, Memes und Verweisen über den Bildschirm. Selbstreferenziell wird auch mit gängigen TV-Konventionen gebrochen: Einmal wähnt sich der Zuschauer gar an einem unerwarteten Ende der Serie.

Dabei startet „How to sell drugs online (fast)“ gerade erst nochmal durch. Die Überforderung macht hier ungeheuren Spaß. Natürlich, geschrieben wurde die Serie für eine Generation, die Alben gegen Playlists und Filmabende gegen Binge-Nächte getauscht hat. Aber diese Fülle an Conten­t ist selbst für jüngere Semester nicht fassbar. Egal! Wie hier Online- und Offlinewelten verschwimmen, hat man im deutschen TV so definitiv noch nicht gesehen. Beispiel gefällig? Rufen Sie mydrugs.to doch einmal in Ihrem Browser auf. „How to sell drugs online (fast)“ ist ein Gesamtkonzept zum Süchtigwerden.


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