Corona-Hilfe: Reuttes Gutscheinaktion droht zum Flop zu werden

Aktionsscheine der Gemeinde sollten Umsätze anheizen. Reuttener sind aber mehr als zurückhaltend. Erst 3000 von 70.000 Scheinen ausgegeben.

Jeder Bürger mit Wohnsitz in Reutte kann solche Gutscheine im Wert von maximal 100 Euro pro Person erwerben – gezahlt werden müssen jedoch nur 80 Euro.
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Von Simone Tschol

Reutte – Sie sollte kurzfristig eine regionale Wertschöpfung von 700.000 Euro freisetzen und wurde am 18. Juni vom Reuttener Gemeinderat mit Euphorie beschlossen: die Gutscheinaktion zur Abfederung wirtschaftlicher Einbußen durch die Corona-Krise.

Seit 1. Juli werden im Bürgerbüro der Marktgemeinde 10-Euro-Aktionsscheine ausgegeben. Jeder Bürger mit Wohnsitz in Reutte kann solche Gutscheine im Wert von maximal 100 Euro pro Person erwerben – gezahlt werden müssen jedoch nur 80 Euro. Die restlichen 20 Euro steuert die Marktgemeinde bei.

Bürgermeister Alois Oberer war am 18. Juni bei der Beschlussfassung durch den Gemeinderat noch guter Dinge und meinte voller Enthusiasmus: „Jetzt können wir uns selbst gratulieren. Wir werden 70.000 dieser Gutscheine, welche in den Reuttener Betrieben bis 31. Oktober eingelöst werden können, auflegen. Damit wollen wir einen Kaufkrafteffekt von 700.000 Euro erzielen.“

Bürgermeister Alois Oberer will nicht auf den Aktionsscheinen sitzen bleiben und appelliert an die Reuttener, diese abzuholen.
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Knapp drei Wochen nach dem Start der Aktion hat sich beim Reuttener Gemeindeoberhaupt aber Ernüchterung eingestellt: „Die Aktion ist entgegen all unseren Erwartungen nur sehr seicht angelaufen.“ Bis Ende vergangener Woche haben nur 300 der 7000 Reuttener das Angebot in Anspruch genommen. Das sind gerade einmal 4,2 Prozent. „Wenn das so weitergeht, sieht es nicht gut aus“, zeigt sich Oberer enttäuscht. Die Gründe für die Zurückhaltung der Bevölkerung kann Oberer nicht nachvollziehen. „Ich höre immer wieder, dass Leute sagen, dass sie die Gutscheine nicht brauchen. Aber es geht auch nicht darum, dass sie die Bürger brauchen. Es soll eine Hilfe für die Betriebe in der Marktgemeinde sein und hat nichts mit dem eigenen Einkommen zu tun. Es braucht sich keiner zu gut sein, die Gutscheine abzuholen. Die sind nicht für soziale Härtefälle gedacht. Sie sollen die Kaufkraft stärken. Und auch wenn man sie selbst nicht einlösen will – man kann sie auch weitergeben“, appelliert Oberer an die Bevölkerung.

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Inzwischen will die Marktgemeinde neuerlich Flugblätter an jeden Haushalt schicken, um die Gutscheinaktion noch einmal zu bewerben. Oberer: „Ich hoffe schon, dass wir die Gutscheine noch loswerden, denn die Aktion soll ja einen möglichst großen Effekt erzielen. Wir wollen gemeinsam die heimische Wirtschaft nach der Corona-Krise unterstützen und regionale Arbeitsplätze sichern.“

Zeitgleich mit der Gutscheinaktion wurden im Juni vom Gemeindeparlament auch zwei weitere Corona-Hilfsaktionen abgesegnet. Dafür wurde auch der Härtefonds der Marktgemeinde, dotiert mit 43.000 Euro, anderen Zwecken zugeführt.

Zum einen sollen Personen, die durch die Krise arbeitslos geworden sind oder nicht mehr eingestellt wurden und finanziell ins Schlingern geraten sind, 500 Euro einmalige Unterstützung in Form von Kaufmannschaftsgutscheinen erhalten. Ebenso EPU (Ein-Personen-Unternehmen), die durch den Förderrost gefallen sind und bei denen besondere Härte gegeben ist. Auch sie sollten mit Kaufmannschaftsgutscheinen in der Höhe von 500 Euro unterstützt werden.

„Auch hier ist es sehr ruhig“, erklärt Bürgermeister Alois Oberer und fügt hinzu: „Erst zwölf Personen wurden für eine derartige Unterstützung auf der Gemeinde vorstellig.“

Oberer: „Wir haben uns hier ganz bewusst dafür entschieden, kein Bargeld auszuzahlen. Und ich bin ja auch froh, wenn wenige Personen betroffen sind. Aber mein klarer Appell lautet: Wenn jemand durch Corona ins Schlingern geraten ist und Hilfe benötigt wird, dann bitte zur Gemeinde kommen. Dafür wurden die Hilfspakete geschnürt!“


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