Bruno Kreisky: Ein Kanzler wie kein zweiter

Am 29. Juli jährt sich der 30. Todestag von Bruno Kreisky. Ein Jahrhundertpolitiker und „Sonnenkönig“ mit Schatten. Der SPÖ-Übervater war von 1970 bis 1983 Bundeskanzler.

Bruno Kreisky bestimmte die österreichische Politik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war von 1970 bis 1983 Kanzler. Am 29. Juli 1990 starb der Sozialdemokrat in Wien an Herzversagen.
© APA

Von Michael Sprenger

Wien – Der „Kaiser-Leopold-Saal“ der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck war bis auf den letzten Platz gefüllt. Zahlreiche Zuhörer mussten sich mit einem Stehplatz begnügen. Sie warteten geduldig. Denn der Gastredner sollte erst in einer halben Stunde mit seinem Vortrag beginnen. Und Bruno Kreisky hielt sich an die Vorgaben der Einladung.

Im Prunkraum wurde es unruhig. Mit Vollbart und Stock betrat er den „Kaiser-Leopold-Saal“. Kreisky, schon gezeichnet von seiner Krankheit, nahm Platz, bedankte sich für den anhaltenden Applaus und begann seinen Vortrag. Ohne ein Blatt Papier referierte er knapp eineinhalb Stunden über die damaligen Krisenherde der Welt. Er war ganz in seinem Metier des Außenpolitikers – um dann aber doch auf die für ihn damals größte Gefahr der Gesellschaft hinzuweisen. Die Massenarbeitslosigkeit, so sagte Kreisky, führe unweigerlich zu einer Brutalisierung der Gesellschaft. Dies habe man schon einmal im 20. Jahrhundert erlebt. Und aus dieser Entwicklung heraus sei dann der Nationalsozialismus entstanden. Bisher sei man in Europa von einer solchen Brutalisierung der Politik verschont geblieben, doch wisse man nicht wie lange, sagte Kreisky. Die Corona-Krise konnte er nicht erahnen, die Konsequenzen von Massenarbeitslosigkeit sehr wohl. Mit seiner Schuldenpolitik finanzierte er Projekte in Österreich, um die Menschen langfristig in Beschäftigung zu halten. In seinen Kanzlerjahren war Österreich dem Wohlfahrtsstaat nahe. Jenes sozialdemokratische Ideal, welches Kreisky nach seiner Flucht in sein Exil kennen lernen sollte.

Am Ende des Vortrags wollte der Applaus nicht enden. Kreisky war gerührt. Für die Zuhörer war klar, dass dort noch einmal ein Ausnahmepolitiker zu ihnen sprach. Bruno Kreisky, jetzt Elder Statesman.

1911 in Wien geboren, war der Spross des jüdischen Bürgertums schon von seiner Jugend an der Sozialdemokratie eng verbunden. Im Austrofaschismus wurde er 1935 zu einem Jahr Kerker wegen Hochverrats verurteilt. 1938 gelang ihm noch rasch der Abschluss des Jusstudiums, kurz darauf musste er vor den Nazis nach Schweden fliehen. Dort lernte er Willy Brandt kennen, organisierte Hilfe für seine Heimat und baute für die Zeit nach dem Krieg eine österreichische diplomatische Vertretung auf.

1946 kehrte Kreisky nach Österreich zurück und arbeitete fortan an seiner politischen Karriere. Zuerst Staatssekretär (Staatsvertrag), später Außenminister (Südtirol-Konflikt) und Oppositionspolitiker. 1970 erzielte Kreiskys SPÖ die relative Mehrheit.

Die ÖVP verlor erstmals in ihrer Geschichte das Kanzleramt. Für Hannes Androsch, Kreiskys Finanzminister und bis zu seinem Bruch mit dem Kanzler sein „logischer Nachfolger“, wurde der Aufstieg Kreiskys bereits im Jahr 1966 grundgelegt, wie er im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung ausführte. „Damals gewann nicht die ÖVP die Wahlen, sondern die SPÖ hat sie verloren. Das hat die ÖVP immer anders gesehen. Seit 1966 konnte die SPÖ rundweg gute Landtagswahlergebnisse erzielen. Die ÖVP schlitterte hingegen in eine Krise, die letzten Endes in einer großen Regierungsumbildung mündete. 1969 dann noch der Rücktritt von Theodor Piffl-Percević. Dies alles war sicher eine Hilfe, doch auch der Zeitgeist – vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis zur 68er-Bewegung – kam der SPÖ zugute. Und was viele vergessen: Kreiskys Anspruch war von Anfang an die Wirtschaftskompetenz. Unser damaliges Wirtschaftsprogramm ,Aufstieg, Leistung. Sicherheit‘ hat bis heute seine Wirkkraft nicht verloren.“

Kreisky bildete nach der 1970er-Wahl eine Minderheitsregierung. Und machte die FPÖ unter dem vormaligen SS-Obersturmführer Friedrich Peter salonfähig. Die Affäre Peter wirft einen langen dunklen Schatten auf den Jahrhundertpolitiker, der später immer wieder „Sonnenkönig“ genannt werden sollte.

Kreisky, der wie kein anderer das Klavier der Medien zu spielen beherrschte, leitete in seinen Kanzlerjahren zahlreiche tiefgreifende Reformen (Schule, Universitäten, Strafrecht, Gesundheitspolitik, Eherecht) ein. Dreimal in Folge (1971, 1975 und 1979) erreichte die SPÖ die absolute Mandatsmehrheit. 1983, nach dem knappen Verlust der Absoluten, trat Kreisky zurück.

In den 1970er-Jahren läutete Kreisky gemeinsam mit seinen Freunden, Willy Brandt in Deutschland und dem schwedischen Premier Olof Palme, die Hochzeit der Sozialdemokratie in Europa ein.

Seine Leidenschaft war dabei immerzu die Außenpolitik. Von der Nahost-Politik bis zum Nord-Süd-Konflikt, Kreisky war ein auf der Welt geschätzter Staatsmann. Oft wurde er als politisch viel zu groß für dieses kleine Land bezeichnet.

Vier Jahre nach der Ermordung seines Freundes Palme, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau Vera starb der zweifache Familienvater am 29. Juli 1990 in Wien.


Kommentieren


Schlagworte