„Master Cheng in Pohjanjoki“: Verliebter Blick über den Tellerrand

Regisseur Mika Kaurismäki tischt mit „Master Cheng in Pohjanjoki“ einen Film über die Liebe auf – und über das Kochen.

Es stimmt schon: Liebe geht durch den Magen. Meisterkoch Cheng (Chu Pak Hong) beim Gustieren mit Sirkka (Anna-Maija Tuokko).
© Polyfilm

Von Markus Schramek

Innsbruck – Dunkelschwarz und schräg: So ist die filmische Kost, die zwei finnische Regisseure mit Nachnamen Kaurismäki gerne zubereiten. Doch Mika, der ältere Bruder des noch bekannteren Aki Kaurismäki („Leningrad Cowboys“), verspürt neuerdings Lust auf einen leichteren Happen – man wird schließlich nicht jünger. Mit „Master Cheng in Pohjanjoki“ kredenzt Mika K. Wohlfühlkino total, einen lockeren Sommerfilm mit menschenfreundlicher Botschaft. Aus Fremden werden Freunde – und zwar im Wege eines fantastischen Essens.

Das Buffet der attraktiven Blondine Sirkka (Anna-Maija Tuokko) im Kaff Pohjanjoki hoch droben im finnischen Norden ist gepflegt und sauber – und das Menü überschaubar: Püree mit Würstchen, ertränkt in einem braunen Soßen-Irgendwas.

Da trifft es sich gut, dass Shanghai-Chinese Cheng (Chu Pak Hong) samt Söhnchen Nunjo (Lucas Hsuan) vorstellig wird, radebrechend nach einem hierher ausgewanderten Freund fragend. Die spärlichen Stammgäste, durchwegs Männer jenseits ihrer besten Jahre, können nicht weiterhelfen.

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Das kann dafür der Neuankömmling. Denn Cheng ist Koch von Beruf, und er hilft Sirkka aus der Klemme, als eine Busladung chinesischer Touristen bei der Labestation Halt macht. Messer und Gewürze hat der Küchenchef sicherheitshalber im Reisegepäck – man weiß ja nie. Das bescheidene Buffet verwandelt sich in ein China-Restaurant von Rang. Cheng sorgt für Gaumenfreuden, und bald schon schwört das ganze Dorf auf seine ausgewogene Kost, die sogar Schmerzen lindert.

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Cheng ist aber nicht zum Schau-Kochen in Finnland. Die Traurigkeit über den Unfalltod seiner Frau ist dem Gast und dessen Sohn anzusehen. Cheng ist gekommen, um einem Freund, der ihn daheim in China vor Schaden bewahrt hat, geliehenes Geld zurückzuzahlen. „Cheng ist ein Ehrenmann“, raunen die Dorfbewohner einander zu.

Auch Sirkka hat – Überraschung! – ein Auge auf Cheng geworfen. Doch der schüchterne Küchenfex benötigt 70 Filmminuten, um sich dem Kern der Sache zu nähern. „Haben Sie einen Mann?“, fragt er die geschiedene Sirkka nach einigen Anläufen.

Im Hintergrund laufen Sujets wie aus der finnischen Tourismuswerbung über den Bildschirm: Wälder, Rentiere, Seen, taghelle Mittsommernächte. Fernweh kommt auf, in diesem Jahr der begrenzten Möglichkeiten, vor allem aber Herzschmerz in X-Large. Wer kein Taschentuch griffbereit hat, muss eben manchem Tränchen freien Lauf lassen.


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