Wintersaison auf dünnem Eis: „Lieber mau als nochmal so ein Imageschaden“

Tourismusforscher Mike Peters sieht nach St. Wolfgang das Image Österreichs erneut angekratzt. Er fürchtet das Aus für viele Betriebe.

Schon vor Corona hat der Tourismus über Personalmangel geklagt. Die nun geltenden Regeln machen die Rekrutierung nicht leichter.
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Von Anita Heubacher

Innsbruck – Tirols Touristiker sind in großer Sorge. Zu viele Fragezeichen sind durch die Corona-Krise noch offen, um überhaupt einschätzen zu können, wie die Wintersaison laufen wird. Neben der Buchungslage, den teils unklaren Auflagen für Betriebe und dem Imageschaden ist das Personal ein Unsicherheitsfaktor.

Wie St. Wolfgang im Salzkammergut mit den Corona-Cluster umgeht, werde medial in Deutschland sehr kritisch betrachtet. „Dort lacht man über die Sicherheitsregeln der Österreicher“, sagt Mike Peters, Tourismusforscher an der Innsbrucker Universität. Das Image Öster­reichs ist in Deutschland seit Ischgl angekratzt. In der heurigen Wintersaison geht es laut Peters nur um eines: Sicherheit. Diese müsse so gut wie möglich gewährleistet sein. „Lieber eine maue Saison als nochmal so ein Image­schaden“, glaubt er.

„Betriebe mit schwacher Eigenkapitalquote müssen zusperren, wenn die Wintersaison mau ausfällt. Das ist logisch.“ – Mike Peters (Tourismusexperte, Universität Innsbruck)
© LFU

6,2 Millionen Gäste kamen in der Wintersaison 2018/19 nach Tirol. Im Sommer waren es laut Tirol Werbung ebenso viele. Allerdings wird das bessere Geschäft in Tirol immer noch im Winter gemacht. Die direkte touristische Bruttowertschöpfung Tirols beträgt laut MCI rund fünf Milliarden Euro, drei davon werden im Winter verdient. 18 Prozent des BIP gehen in Tirol übers Jahr gesehen auf das Konto des Tourismus. Tirol-Werbung-Chef Florian Phleps glaubt, dass Themen wie Natur, Freiheit, Familie durch die Corona-Pandemie noch einmal verstärkt worden seie­n, wie er im TT-Interview vor wenigen Tagen erklärt­e. Sicherheit und Gesundheit würden in den Fokus der Kommunikation gerückt. Was mit den Après-Ski-Lokalen passieren soll, weiß noch keiner. Phleps fordert österreichweit akkordierte Konzepte.

In den Destinationen geht es jetzt darum, eine Strategie zu entwickeln, wie man die Gäste überhaupt ins Land bringt. Mike Peters geht davon aus, dass Tourismusbetriebe mit einer schwachen Eigenkapitalquote zusperren müssen, wenn die Saison mau ausfällt. „Das ist logisch.“ Einige Destinationen wie beispielsweise Kitzbühel oder die Wildschön­au würden auf das Rezept „Weniger Gäst­e, aber hochpreisigere“ setzen. „Apps, die den Gästen in Echtzeit zeigen, wo es Menschenansammlungen gibt und wo nicht, wurden entwickelt, und die sind auch nachgefragt.“

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57 Prozent der Mitarbeiter sind Ausländer

Sollte es gelingen, ausreichend Gäste ins Land zu holen, bleibt die Frage, wer sie bedienen soll. 22.363 von 39.062 Mitarbeitern in der Gastro und in den Hotels sind Ausländer. Das sind 57 Prozent. Die meisten von ihnen kommen aus Ungarn, ebenso viele, rund 5000, aus Drittstaaten, darunter die Westbalkanstaaten, die zu den Risikogebieten gehören. Nach Österreich darf man aus einem Risikogebiet derzeit überhaupt nur einreisen, wenn der Corona-Test negativ ist. „Ich sehe das sehr kritisch, schließlich hat der Tourismus bereits vor Corona über Personalmangel geklagt“, sagt Peters. Es gehe um fehlende Fachkräfte wie Köche ebenso wie um die Saisonniers.

„Das könnte eine Herausforderung werden, wenn die Herkunftsländer der Mitarbeiter zu Risikogebieten zählen“, meint der Chef des Tiroler Arbeitsmarktservice, AMS, Anton Kern. Bei den 3624 deutschen Arbeitskräften dürfte das kein Problem sein, bei 5281 Ungarn, der größten Gruppe, könnte es eins werden. Je nachdem, wie Ungarn die Corona-Krise bewältigt.

Winter in Zahlen

Gäste: Es kommen laut Tirol Werbung gleich viele Gäste im Sommer wie im Winter nach Tirol: 2018/2019 waren es 6,2 Millionen pro Saison.

Geschätzter Wintergast: Im Winter bleiben die Gäste länger. 6,2 Millionen Gäste sorgten 2018/19 für 27,5 Millionen Nächtigungen, im Sommer sind es 22 Millionen. 4,4 Tage beträgt die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Winter, im Sommer sind es 3,6 Tage.

Dickere Geldtasche: Die Tagesausgabe pro Gast liegt im Winter bei 185 Euro (exklusive Anreise), im Sommer bei 144 Euro.

Geschäft: Im Winter rollt der Rubel besser. Die Umsätze lagen 2018/19 laut MCI bei sechs Milliarden Euro, im Sommer 2019 waren es 3,8 Milliarden Euro.

Großer Anteil am Kuchen: Die direkte touristische Bruttowertschöpfung Tirols beträgt laut MCI fünf Milliarden, drei werden im Winter gemacht.


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