Alain Thierstein: „Corona hat die Krise von Innenstädten beschleunigt“

Seit der Corona-Krise kaufen mehr Menschen online, die Folgen spüren viele Läden. Alain Thierstein, Professor für Stadtentwicklung, plädiert für neues Denken in Innenstädten.

Einkaufsbummler mit Masken gibt es derzeit viele – wie gut Läden und Gastronomie in Innenstädten die Corona-Krise überleben werden, hängt auch von künftiger Stadtentwicklung ab.
© Michael Kristen

Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass viele mittelgroße Städte nach Corona ein und dasselbe Problem eint: Sie alle kämpfen mit der Abwanderung von Geschäften und um Attraktivität. Ist das veränderte Einkaufsverhalten — Stichwort: Online-Handel — daran schuld? Ist es ein Kampf, der durch Corona so richtig an Fahrt aufgenommen hat?

Prof. Dr. Alain Thierstein forscht auf dem Gebiet der Stadt- und Metropolen­entwicklung und ist Professor für Raumentwicklung an Technischen Universität München.
© G. Hartmann

Alain Thierstein: Online-Handel versus stationärer Handel ist nicht neu. Das beschäftigt uns schon lange. Durch die Corona-Krise hat es sich allerdings insofern verschärft, dass in dieser Lockdown-Phase erstmals auch Menschen online bestellt haben, die es vorher nie getan haben. Die sind jetzt draufgekommen, dass sie das auch können und dass es gar nicht so unpraktisch ist. Wer zwei-, dreimal bestellt hat, tut es immer wieder. Das veränderte Einkaufsverhalten der Menschen ist aber nicht das alleinige Problem, das Geschäftstreibenden in Innenstädten das Leben schwer macht. Fakt ist, dass die Corona-Krise Themen an die Oberfläche gespült hat, die schon länger ein Umdenken erzwingen.

Hier werden die Schnellen gegen die Langsamen gewinnen. Innenstädte müssen radikal neu gedacht werden, man muss weg vom Trend der reinen Einkaufszonen und man muss neu über die Aufteilung des Straßenraumes diskutieren. Konvivialität ist das Schlagwort, damit mehr Lebensfreude in die Innenstädte kommt.

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Thierstein: Schauen Sie, der Mensch ist ein soziales und ein räumliches Wesen. Warum geht man in die Stadt? Weil man sehen und gesehen werden will. Das Soziale findet immer im räumlichen Kontext statt und dieses Verhältnis hat sich verändert. In den letzten 100 Jahren haben wir alles auf das Auto fokussiert, am liebsten bis ins Wohnzimmer hinein hatte es Platz. Fürs Einkaufen müssen die Menschen heute aber nicht mehr in die Stadt gehen, das geht auch von zu Hause. Deshalb braucht es eine Umstrukturierung und die Stadt kann nicht nur mit Konsum in Verbindung gebracht werden. Es geht auch um Ort­e zum Verweilen, um sich zu erholen, zu flanieren, zu schauen. Eine Stadt ist ein Ort der geplanten und ungeplanten Begegnungen, es braucht ein Wohlfühlen, dass man hingeht. Und dass dann einige davon nebenbei einkaufen und konsumieren, ergibt sich von selbst.

Man muss sich überlegen, welche Transportmittel man in der Stadt haben will: Autos, Busse, Fahrräder, Lieferfahrzeuge, Trambahnen, Scooter? Es braucht eine Gleichberechtigung aller im Tempo — es geht auch um eine Absenkung der Fahrgeschwindigkeiten für Autos. Denken Sie an die Mariahilfer Straße in Wien. Welches Theater gab es da, als es darum ging, den Fußgängern den Vorrang zu geben. Heute ist die Straße ein Vorzeigemodell. Interessant ist, dass in vielen Städten durch Corona plötzlich Parkplätze für Tische von Cafés freigeräumt wurden, weil die Wirte durch die Abstandsbestimmungen sonst weniger Tische gehabt hätten. Plötzlich hatte der Mensch Platz.

Erleben Sie, dass jetzt viele Städte umdenken?

Thierstein: Eine bessere Aufteilung des Straßenraums ist vielerorts im Gang, wenn auch langsam. Dass es so nicht weitergehen kann, bemerken jetzt viele. Corona scheint neues Denken zu beschleunigen. Man müsste mehr mutige Ideen zulassen. Das wäre gut, denn ohne neue Ideen werden in vielen Städten bald ganze Straßenzüge brachliegen.

Das Gespräch führte Liane Pircher


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