Salzburger Festspiele: Seit 100 Jahren Nabel der kulturellen Welt

Die Salzburger Festspiele werden 100 Jahre alt. Heute ist es soweit. Fast hätte Corona das Jubiläum vereitelt. Das Programm ist kürzer, aber attraktiv. Das Virus soll mit einem umfassenden Konzept ferngehalten werden.

100 Jahre sind keine Ewigkeit. Premiere des „Jedermann“ auf dem Salzburger Domplatz im August 1920.
© Archiv der Salzburger Festspiele/Ellinger

Von Markus Schramek

Salzburg – Die Salzburger Festspiele sind unter normalen Umständen fast schon ein Selbstläufer. Musikbegeisterte, Theaterfreunde sowie eine unübersehbare Abordnung aus dem Segment „Reich und Schön“ machen allsommerlich dem Festival an der Salzac­h ihre Aufwartung.

Die Einnahmen sprudeln. 270.000 Besucher sorgten im Vorjahr für eine Auslastung von fast 100 Prozent. Allein mit den Tickets wurden 31 Millionen Euro erlöst, die Hälfte des 62-Millionen-Budgets. Das sind Kennziffern, wie es sie unter dem Titel Kultur auf der Welt nur selten gibt.

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Heuer war für das 100-Jahr-Jubiläum der Festspiele alles angerichtet: ein fantastisches Programm, um das Jubeljahr gehörig zu zelebrieren. Dann schlug Corona zu. Das Festival stand an der Kippe, doch das lange Zuwarten zahlte sich aus. Während andere Sommerfestspiele wie in Bregenz, Bayreuth oder Erl abgesagt wurden, erhielt Salzburg Anfang Juni grünes Licht, unter strengen Corona-Auflagen und von sechs auf vier Wochen verkürzt (1. bis 30. August). Statt 240.000 Karten (von denen vor Corona schon 180.000 verkauft waren) können heuer nur 76.000 Tickets aufgelegt werden. Was ausfällt, soll in den nächsten Jahren nachgeholt werden.

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📽️ Video | Salzburger Festspiele eröffnet

Freilich kann sich das inhaltliche Aufgebot auch im nominellen Jubeljahr 2020 sehr sehen lassen: zwei Opern, drei Schauspiele, dazu über 50 Konzerte mit Größen wie den Wiener Philharmonikern oder Pianist Igor Levit.

Schon am Auftaktwochenende (1./2. August) wird aus dem Vollen geschöpft: Richard Strauss’ Oper „Elektra“ und der „Jedermann“ (heuer letztmals mit Tobias Morett­i in der Titelrolle) am Eröffnungssamstag, tags darauf die Uraufführung von Peter Handkes „Zdenek Adamec“ und Mozarts „Così fan tutte“.

Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ ist quasi die Mutter aller Salzburger Aufführungen. Am 22. August 1920 wurde das Stück, unter freudiger Aufnahme durch das Publikum, erstmals auf dem Domplatz gezeigt. Die Festspiele waren geboren.

Seither ist der „Jedermann“, von einem Aufführungsverbot während der Nazi-Diktatur abgesehen, Fixpunkt und Einnahmenquell der Festspiele, mit bis zu 2500 Besuchern auf dem Domplatz (bei Schlechtwetter im großen Festspielhaus). Heuer sind wegen des Corona-Abstands nur bis zu 1250 Besucher je Termin möglich. Die 14 angesetzten „Jedermann“-Abende sind so gut wie voll.

Von wem die Idee stammte, mit dem an spätmittelalterliche Mysterienspiele angelehnten „Jedermann“ als Open Air auf den Domplatz zu gehen, ist nicht überliefert. Max Reinhardt, neben Hofmannsthal einer der Festspielgründer, führte Regie und hatte auch spontane Einfälle. „Glockenläuten“ stand damals in Reinhardts Regiebuch, wie Malte Hemmerich für sein Buch „100 Jahre Salzburger Festspiele“ (ecowin Verlag) recherchiert hat.

Das Publikum fand Gefallen an der einfachen Botschaft des Stücks. Auf offener Bühne wird einer wie (möglicherweise) wir selbst, ein Jedermann also, vom Herrgott für sein liederliches Leben zur Verantwortung gezogen – eine durch und durch katholisch-konservative Draufsicht auf das Leben.

Aktuelles Führungstrio der Salzburger Festspiele: der aus Hall in Tirol stammende Kaufmännische Direktor Lukas Crepaz, Präsidentin Helga Rabl-Stadler und Intendant Markus Hinterhäuser (v. l.).
© APA/NEUMAYR/LEO

In 100 Jahren haben die Salzburger Festspiele fast alles gesehen und vieles überlebt. Festspielgründer Max Reinhardt blieb unbedankt und musste vor den Nazis fliehen, die das Festival ab 1938 propagandistisch missbrauchten. 1944 wurden die Festspiele nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler abgesagt, doch schon 1945, nach Kriegsende, fanden sie wieder statt.

Probenaufnahme für den „Jedermann“ des Jahres 2020.
© APA

Ab den späten 50er-Jahren bis 1988 folgte die Ära von Stardirigent Herbert von Karajan. Er, als NSDAP-Mitglied nach dem Krieg rasch pardoniert, prägte 30 Jahre lang in Salzburg das Geschehen, das Wort von „Karajan-Festspielen“ machte die Runde.

Salzburger Festspiele 2020, 1. bis 30 August

Infos unter salzburgerfestspiele.at. Es gibt noch Restkarten.

Bis heute ist Salzburg, seit 2017 geleitet vom angesehenen Pianisten Markus Hinterhäuser, unumstritten der Nabel der kulturellen Welt.

Die Festspiele 2020 können beginnen, doch die Anspannung wird sich nach den Aufführungen heuer nicht so schnell legen. Das Coronavirus bleibt unberechenbar. Und auf Premierenfeiern wird verzichtet. Sicherheitshalber.

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