Trotz Erntesaison: In Tirols Regalen ist zu viel Importware

In der Erntehochsaison findet man in den Supermärkten Obst und Gemüse aus Marokko und Spanien, obwohl man in Tirol laut Landwirtschaftskammer den Anbau erweitern könnte.

In Mair’s Beerengarten ist die Himbeerernte in vollem Gang.
© Mairs beerengarten

Von Brigitte Warenski

Innsbruck — Das feucht-schwüle Juliwetter hat dem heimischen Obst, Gemüse und Getreide einen Wachstumsschub gegeben. Tirols Getreidebauern sind laut Reinhard Egger von der Tiroler Landwirtschaftskammer „mitten in der Haupterntephase". Auf 700 Hektar wird Getreide angebaut, „der Eigenversorgungsgrad liegt aber nur bei einem Prozent". Dass wie einst auf 17.000 Hektar Getreide wächst, sei „illusorisch, aber eine Verdoppelung oder Verdreifachung ist möglich. Dazu müsste aber die Nachfrage nach dem regionalen Produkt da sein und es gilt, das Problem der Flächenversiegelung zu lösen. Es wird so viel verbaut, dass gute Anbauflächen fehlen."

Erntehochsaison ist auch beim Beerenobst, die Heidelbeeren sind abgeerntet, die Himbeeren sind aktuell in der Ernte, die Brombeeren folgen. Im gesamten Obstbereich liegt der Selbstversorgungsgrad „bei 30 Prozent", erklärt Klemens Böck von der Landwirtschaftskammer. Seine steirischen Kollegen haben diese Woche auf einen Test in 36 Supermärkten verwiesen, der gezeigt hat, dass der Großteil des Beerenobstes in den Regalen aus Marokko und Spanien kommt.

Ernst ist die Situation für die Tiroler Gemüsebauern, die z. B. ihren Salat bisher ausschließlich an Tourismusbetriebe geliefert haben.
© Egger

„Auf 55 Hektar wird in Tirol Obst angebaut. Die Obstbauern wären bereit, mehr anzupflanzen, aber bei diesen Preisen kann und will man nicht mithalten." Das Tragerl Heidelbeeren aus dem Ausland kostet im Supermarkt in etwa die Hälfte eines heimischen Produkts. „Gerade Beerenobst ist sehr arbeitsintensiv und daher spielen die Lohnkosten eine große Rolle. Wenn die Supermärkte einen fairen, kostendeckenden Preis zahlen würden, gäbe es mehr heimische Ware in den Regalen", so Böck. Anders sieht es im Premiumsegment aus: „Dort ist Tiroler Ware top dabei", sagt Böck.

Auch beim Gemüse wünscht sich Alfred Unmann von der Landwirtschaftskammer mehr Regionalität. „Gerade bei Gurken, Paprika und Tomaten haben wir vor allem Importware, hier ist der Eigenversorgungsgrad nur zehn Prozent. Die Nachfrage ist aber total groß und wir hätten auf jeden Fall Chancen, in den Regalen der Supermärkte zu landen." Damit sich Tomaten in Tirol für einen gewerbsmäßigen Anbau lohnen, „bräuchte es Hightech-Gewächshäuser mit Heizungs- und Bewässerungsanlagen.

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Ernst ist die Situation für die Tiroler Gemüsebauern, die z. B. ihren Salat bisher ausschließlich an Tourismusbetriebe geliefert haben.
© landwirtschaftskammer

Das ist aber aufgrund der hohen Investitionskosten und der schwierigen Widmungen nicht möglich", kritisiert Unmann. Dass es von politischer Seite „kein eindeutiges Bekenntnis zur Selbstversorgung gibt, obwohl man sich u. a. die Transporte sparen würde", kann er nicht verstehen. Zufrieden zeigt sich Unmann dagegen mit der Ernte: „Wir hatten ein absolutes Wachstumswetter, Hagelschäden gab es nur punktuell." Sehr schwierig gestaltet sich aber die Situation der Gemüsebauern, deren Hauptabnehmer Tourismusbetriebe sind. „Das sind etwa zehn der insgesamt 70 Tiroler Gemüsebauern, die es sehr ernst trifft", so Unmann.

Ein Sommer wie im April oder doch normal?

© ZAMG

Zwei Tage sommerliche Hitze, dann eine Kältefront, Trockenheit und starke Regenfälle: Der bisherige Sommer hat bei vielen den Eindruck eines Aprilwetters hinterlassen. Doch das täuscht, klärt Alexander Radlherr von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf. „So schlecht ist der Sommer nicht. Der Juli war laut der Messstelle in Innsbruck sogar um 0,6 Grad wärmer und um fast 40 Prozent trockener als die Sommermittelwerte von 1981–2010.“ Dass das Gefühl trügt, liegt wohl daran, „dass die vergangenen drei Sommer ausgesprochen heiß und überwiegend trocken waren“, sagt Radlherr.

Wie es weitergeht, zeigt die Lage der Jetstreams, das sind die Starkwinde, die rund um den Globus wehen und die Großwetterlagen beeinflussen. „In den Karten für kommenden Dienstag ist zu sehen, dass Westösterreich ziemlich genau im Bereich des Jetstreams liegt, der kühlere und feuchtere Luft bringt“, so Radlherr. Dass die durch Corona bedingten niedrigeren Emissionswerte – weniger Luftfahrt, weniger Verkehr, weniger Industrietätigkeit – Einfluss auf das Wetter hätten, ist nicht der Fall. „Wenn die geringeren Emissionswerte anhalten, dann beeinflusst das nur das Klima und könnte in Richtung weniger Erderwärmung führen. Aber die tatsächlichen Effekte sieht man erst in frühestens zehn, eher zwanzig Jahren.“


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