Gebirge statt Strand: Tiroler Bergretter Corona-bedingt im Dauereinsatz

Viele Tiroler zieht es heuer in die heimischen Berge statt auf den Strand. Das merkt auch die Bergrettung. Diesen Monat musste sie fast 100-mal öfter ausrücken als noch im Juli 2019.

Ausgerüstet mit Mundschutz muss die Bergrettung, wie hier im Gemeindegebiet von Oetz bei der Bergung eines abgestürzten Paragleiters, auch während Corona zu vielen Einsätzen ausrücken.
© APA/BERGRETTUNG ÖTZ

Von Amina Stainer

Innsbruck – Urlaub daheim ist Corona-bedingt in Mode. Das macht sich auch in den aktuellen Einsatzzahlen der Tiroler Bergrettung bemerkbar. 412-mal musste sie im Juli bereits zu Notfällen ausrücken. Zum Vergleich: 2019 wurden im selben Monat lediglich 321 Bergeinsätze verzeichnet. Schon im Juni sei ein Anstieg bemerkbar gewesen, beschreibt Gregor Franke, Pressereferent der Bergrettung Tirol, die vorliegenden Zahlen. „Wobei sich die Bevölkerung da noch sehr zurückhaltend im alpinen Gelände bewegt hat. Dafür sieht man im Juli den starken Anstieg.“

Der Trend zum Berggehen habe sich jedoch schon im Zeitraum März bis Mai abgezeichnet. Bereits da musste die Bergrettung häufiger ausrücken als im vergangenen Jahr. Allein im März wurden 63 Einsätze verzeichnet – um 37 mehr als im Vorjahr. „Wobei ganz klar gesagt werden muss, dass sich die Bevölkerung sehr gut an den Appell gehalten hat, zuhause zu bleiben“, sagt Franke. Denn verglichen mit den Sommermonaten sei die Zahl der Einsätze im März und April nach wie vor auf einem niedrigen Niveau.

Dass ein Großteil der Einheimischen den Sommer zuhause verbringt, lässt auch die Statistik der bei Unfällen verletzten Bergsteiger vermuten. Hier finden sich mehr heimische als nicht österreichische Patientinnen und Patienten. Nicht nur bei der Häufigkeit der Bergeinsätze gibt es 2020 Corona-bedingte Änderungen. Musste die Bergrettung in der Vergangenheit vor allem an Freitag, Samstag und Sonntag ausrücken, lässt sich inzwischen kein signifikanter Unterschied zwischen Werktagen und Wochenenden feststellen. „Vermutlich aufgrund der vielen Zeit, welche die Leute gerade zuhause verbringen und wegen des schönen Wetters“, meint Franke.

Bei den Gründen für das Ausrücken der Retter zeigen sich zwei klare Richtungen. Ein großer Teil der Notfälle ergibt sich aus externen Faktoren wie Felsstürzen oder Lawinen. Genauso häufig müssen Wanderer von der Bergrettung geborgen werden, weil sie ihre eigenen Fähigkeiten überschätzt haben. Oft kennen die Alpinisten die Schwierigkeit des gewählten Geländes nicht und müssen dann aufgrund von Erschöpfung die Rettungskräfte alarmieren.

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Schämen muss sich deswegen keiner, meint Peter Plattner vom Österreichischen Kuratorium für Alpine Sicherheit. „Das kann jedem passieren. Wer in einer Notsituation ist, sollte auch den Notruf wählen.“ Denn besonders schwierig werde eine Bergung meist erst, wenn bis zum Hilferuf zu viel Zeit vergeht. „Wenn die Leute zu lange warten, braucht es sehr aufwändige Rettungsaktionen. Bei Dunkelheit kann auch kein Hubschrauber mehr starten.“ Der Gedanke an die Kosten der Bergung sollte auch nicht über den Notruf entscheiden. „In den allermeisten Fällen sind die Kosten durch die Versicherung gedeckt.“

Wer in nächster Zeit ebenfalls die Tiroler Berge erkunden möchte, dem rät Gregor Franke, seine Tour gründlich zu planen. „Ich muss mich immer fragen: Was kann ich tun, wenn das Wetter plötzlich umschlägt? Wie sind die Witterungsbedingungen? Habe ich einen Partner, der mir im Notfall helfen kann?“ Bleibt das Wetter in nächster Zeit so schön, erwartet Franke einen weiteren Ansturm auf das Tiroler Gebirge.


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