Salzburger Festspiele starten ihre besondere Ausgabe 2020

Mit einem Premierenreigen starten die Salzburger Festspiele am Samstag in ihre coronabedingt verkürzte Ausgabe 2020. Es begann mittags mit Teil 1 der neuen Gesprächsreihe „Reden über das Jahrhundert“. Die ersten beiden szenischen Premieren sind die „Elektra“ in der Regie von Krzysztof Warlikowski in der Felsenreitschule sowie am Domplatz der „Jedermann“ mit der neuen „Buhlschaft“ Caroline Peters.

Im Jubiläumsjahr und angesichts der präventiven Beschränkungen, markierte kein offizieller Eröffnungsredner den Startschuss, sondern der so ruhige wie wilde Monolog eines älteren Herren. Der große Intellektuelle Alexander Kluge kann mit seinen 88 Jahren schon auf einen guten Teil jener zehn Dekaden zurückblicken, in denen es die Festspiele gibt.

Angesichts der kurzfristigen Absage des 82-jährigen Malerfürsten Georg Baselitz, gestaltete der Avantgardefilmemacher in der Felsenreitschule den Auftakt des auf vier Kapitel angelegten Projekts „Reden über das Jahrhundert“ alleine - nachdem die Stimme der heurigen Buhlschaft, Caroline Peters, die Anwesenden erst kurz vor Beginn des Vortrags darauf hingewiesen hatte, dass man den Mundschutz nun abnehmen dürfe, sollte man sich nicht in der Lage sehen, ihn durchgängig aufzubehalten.

Und so hob Alexander Kluge vor dem Auditorium der Felsenreitschule, deren Sitze zur Hälfte mit schwarzem Trauerband abgesperrt waren, an zu einer der für ihn typischen Tour de Force der Gedanken über die Kunst und ihre Kraft, die Festspiele und die Conditio humana im Allgemeinen. Kluge ist schließlich ein Intellektueller, der einst den Neuen Deutschen Film mit aus der Taufe hob, Teil der Gruppe 47 war, im Privatfernsehen avancierte Formate in der Nacht entwickelte und als ausgebildeter Philosoph und Rechtsanwalt die Welt aus verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten gelernt hat.

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„Ein Jahrhundert ist wie eine Kugel - wenn man die Kugel dreht, sieht das, was man darin sieht, anders aus“, fasste der Deutsche seine Weltsicht zusammen. Das Gesamtkunstwerk Oper sei ein letztes geschlossenes Ganzes, während die Geschichte selbst in zahllose Geschichten zerfalle. Auch die Gedankenreisen des Kulturdenkers Kluge fragmentieren und verbinden sich doch wie in einem Kaleidoskop immer wieder zu neuen, ephemeren Zusammenhängen, die in dem Moment zerfallen, in dem sie entstehen. Da schließt Luigi Nonos „Prometeo“ an Ovid an, Bachs Musik an Ernst Jüngers Tagebucheinträge oder Covid-19 als Erkrankung der Lunge an den Gastod des Weltkrieges als Angriff auf die Kehle.

Am Sonntag geht es weiter mit dem Feuerwerk, wenn unter anderem die Peter-Handke-Uraufführung „Zdenek Adamec“ und eine gekürzte „Cosi fan tutte“ mit der jungen Dirigentin Joana Mallwitz am Pult ansteht. Bis zum 30. August ist dann nur mehr eine weitere szenische Premiere angesetzt - Milo Raus Solostück „Everywoman“ am 19. August. Ob der grassierenden Pandemie musste das Festival seine heurige Jubiläumsausgabe zum 100-jährigen Bestehen massiv kürzen und hohe Hygienestandards zum Schutz der Besucherinnen und Besucher einführen. So sind nur 80.000 anstelle der ursprünglich vorgesehenen rund 240.000 Karten aufgelegt.


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