Zerbrechlichkeit der jungen Liebe: Premierenjubel für „Così fan tutte“

Reduktion und Menschenkenntnis: Salzburger Premierenjubel für Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Così fan tutte“ in gekürzter Festspielfassung.

Mozarts „Così fan tutte“ wurde für die Festspiele pandemietauglich abgespeckt: im Bild von links Andrè Schuen, Elsa Dreisig, Johannes Martin Kränzle, Marianne Crebassa, Bogdan Volkov.
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Von Ursula Strohal

Salzburg – „Così fan tutte“, so macht man’s nicht überall, aber in Salzburg, wo man sich zum 100. Geburtstag der Festspiele per Spontanentschluss wenigstens eine pandemietauglich abgespeckte Mozart-Oper abtrotzte. 45 Minuten mussten eingespart werden.

Das kann nur mit „Così fan tutte“ gehen, wo sich trotz einer durchlöcherten Dramaturgie und größtenteils gestrichener Rezitative das Wesen der Geschichte erzählen lässt. Schmerzlicher fehlten ein Abschiedsterzett, Despinas erste sowie Ferrandos und Guglielmos jeweils zweite Arien. Die sechs Protagonisten tragen das Stück, es braucht kaum Ausstattung, aber Könner für Regie, Bühnenbild und Dirigentenpult. Voraussetzungen, die mit Christof Loy (Regie), Johannes Leiacker (Bühne) und Joana Mallwitz (Musikalische Leitung) gegeben waren und mit der jungen Besetzung die Produktion im Großen Salzburger Festspielhaus zu einem Premierenerfolg brachten.

Mit einer weißen Wand, durchbrochen von zwei Doppelflügeltüren und im Gartenbild mittig geöffnet einen Baum freigebend, nahm Leiacker der Bühne die Tiefe. An der Rampe führt eine Treppe in voller Breite hinab ins Orchester – mitten in die Musik. Die Treppe ist Sitzgelegenheit, sonst steht, liegt, kugelt man auf dem Boden. Auf die wechselnden Konstellationen, die so sehr verwirren, fokussiert, als gäbe es keine Außenwelt. Loy dreht die Schraube nach innen, ein Kenner der Psyche und menschlichen Verführbarkeit, der Jugend und wohl auch des Komponisten. Er zeigt, was Mozart durch die Zeiten trägt. Dass Mozart, bevor die Romantiker davon erfuhren, die Doppelbödigkeit, Fragilität und Schatten der Existenz zu benennen wusste, das Atemlose, hoffnungslos Abgründige. Auch das Janusköpfige, das Zuwendung mit Eros verknüpft und Melancholie, Heiterkeit und Spaßigkeit zugleich birgt.

Während die Jugend sich selbst entdeckt, sollte Letzteres wohl Don Alfonso prägen. Der macht den bitteren Scherz der Treueprüfung von zwei unerfahrenen Paaren hauptsächlich ums Geld, schnappt sich die Dienerin Despina, was er, derangiert, gerne zeigt und hampelt in Gestalt des stimmlich unauffälligen Johannes Martin Kränzle zu viel und unglaubwürdig herum.

In der Feinzeichnung der verwirrten Gefühle, im poetischen Zauber des Stückes und im jugendlichen Schwungaufnehmen sind sich Loy und Dirigentin Joana Mallwitz einig, auch darin, dass die Treulosigkeit nicht nur die Frauen, sondern mit gleichem überrumpelnden Ernst auch die zunehmend durcheinandergeratenden Männer betrifft. Die Wiener Philharmoniker, an jedem Pult ein Solist, musizieren zart, federnd, mit heiterem Temperament, sie nehmen die langen, erfüllten Pausen und raschen Pointierungen, die Mallwitz ihnen abverlangt, überzeugend auf.

Für Elsa Dreisig, derzeit gehypte Sopranistin mit gedeckter, im Lyrischen beheimateter Stimme, scheint die Fiordiligi zu früh zu kommen, voll im Saft hingegen mit ihrem ausdrucksvollen Mezzo und ihrer die Schwester überragenden Bühnenpräsenz die Dorabella von Marianne Crebassa. Andrè Schuen passt genau in die Schuhe des Guglielmo, Bogdan Volkov bringt die nötige Sensibilität für den Ferrando mit. Lea Desandre (2016 gewann sie den Sonderpreis Resonanzen beim Cesti-Wettbewerb) ist eine komödiantisch hochbegabte, stimmlich für das Große Festspielhaus zu zarte Despina, die wie die jungen Herren Loys Prise Klamauk wunderbar umsetzt.

Bleibt die Empfehlung an Kostümbildnerin Barbara Drosihn, damit die beiden jungen Damen, die das Spiel um die Zerbrechlichkeit der Liebe mitmachen, nicht ständig ihre Röcke zurechtzupfen müssen.


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